Rigoletto – nur Glut statt großem Feuer

Rigoletto

Staatsoper Berlin. Rigoletto. 2-6 bis 26-10 2019. Foto: Brinkhoff/Mögenburg

Rigoletto ist eine Oper von Giuseppe Verdi, die 1851 am Teatro La Fenice in Venedig uraufgeführt wurde. Das Libretto stammt von Francesco Maria Piave und beruht auf dem Melodrama Le roi s’amuse von Victor Hugo (1832). Besuchte Aufführung: Staatsoper Unter den Linden, 2. Juni 2019.

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Herzog von Mantua: Michael Fabiano
Rigoletto: Christopher Maltman
Gilda: Nadine Sierra
Sparafucile: Jan Martiník
Maddalena: Elena Maximova
Giovanna: Corinna Scheurle
Monterone: Giorgi Mtchedlishvili
Marullo: Adam Kutny
Borsa: Andrés Moreno García
Graf Ceprano, Ein Gerichtsdiener: David Oštrek
Gräfin Ceprano, Ein Page: Serena Sáenz

Dirigent: Andrés Orozco-Estrada
Staatskapelle Berlin

Herren des Staatsopernchores
Regisseur: Bartlett Sher

Musik:
Regie:

Am Sonntag feierte abends um 18 Uhr bei sommerlich-schwülen 30 Grad mit Verdis Rigoletto in einer Inszenierung von Bartlett Sher unter der musikalischen Leitung von Andrés Orozco-Estrada die letzte Neuproduktion dieser Saison Premiere an der Staatsoper Unter den Linden. Eine Kooperation mit der Metropolitan Opera New York, so steht es im Programm. Damit begann auch schon die Krux. Die Produktion muss mit der MET allabendlich 3800 Plätze füllen, da bleibt wenig Raum für künstlerischen Mut und Experimentierfreude.

So mixte Michael Yeargan für Vorhang und Bühne etwas Otto Dix mit viel George Grosz. Motive in schwülstiges Rot getaucht, Fleischeslust, Fratzen, Bohemiens, eine nur mit Perlenkette bekleidete kniende Prostituierte. Dazu klassizistisch-faschistische Säulenarchitektur. Ein Ballsaal in den 30er Jahren. Die Herren tragen Uniform, teils mit hohen Stiefeln. Die Damen in wunderschönen Ballroben, Gold mit Krönchen für die Begehrteste bei diesem Fest. In roter Hose, mit Goldappliken und Samtschärpe über der Uniformjacke sticht der pomadige Verführer aus der Masse heraus. Rigoletto schwarz-rot-geringelt mit Zylinder und Gehstock, ein Außenseiter. Sein jungfräuliches Töchterlein ist noch nicht zu sehen, wird sie doch von ihrem Vater wohlweislich vor dem Laster versteckt. Sie tritt erst später in Puffärmelbluse, Schulmädchenrock und Söckchen auf. Mit ihrer Gouvernante, dürr-verhärmt, zugeknöpft in Schwarz mit weißer, gestärkter Bluse, lebt sie zurückgezogen. Der spätere Mörder ein imposantes Mannsbild von kräftiger Statur, düsterer Blick und dunkler Bart. Seine verführerische Schwester rothaarig, vollbusig, lasziv in grünem Satin, rauchend, stark geschminkt. Soweit nichts Besonderes, aber nun gut.

 

Orientierungslosigkeit einer Epoche

In den nächsten gut zwei Stunden wird Rigolettos zweigeschossiges, gutbürgerliches Wohnhaus mehrfach von links auf die Bühne geschoben und zurück. Selbiges geschieht mit der Bar, dem späteren Ort des Mordes, von rechts. Das erinnert an Puppenhäuser vor der gemalten Dekadenz-Kulisse. Klein in Groß. Einfachheit vor Opulenz. Reinheit vor Verderbtheit. Bartlett Sher und Michael Yeargan wollten die Handlung nicht direkt in die Weimarer Republik übertragen, aber an Freizügigkeit und Geist dieser Zeit anknüpfen. Zugleich sollte vorsichtig-subtil der Bogen zum heutigen Amerika gespannt werden, wo es, Zitat Sher, keine weitgehende gesellschaftliche Übereinkunft über Richtig und Falsch mehr gibt. Wer ist oben, wer unten und wer steht wofür? Tragik und Groteske, hier die Gemälde von Grosz, dort Verdis Ästhetik. Ein komischer Clown, ein Reicher und Mächtiger, ein unschuldiges Mädchen.

Die Höflinge als Chor stehen bei dieser Aufführung meist herum, der Herzog schreit Gilda seine Liebe mehr entgegen, als dass er sie umwirbt. Worauf die Holde erst nur die Hände vors Gesicht schlägt, ihm dann aber doch verfällt. Sie ist ein junges Mädchen, welches die Liebe und das Leben entdecken will, raus aus der Obhut ihres Vaters und weil ahnungslos, direkt in die Arme eines Womanizers. Später, dann nicht mehr als Jungfrau, gesteht sie Rigoletto das Geschehene. Gehüllt in ein Bettuch über ihrem Champagner farbenen Negligé schmiegt sie sich an ihn, wieder ganz die kleine Tochter, verwirrt, glücklich, verzweifelt. Der Vater schwört Rache für ihre verlorene Unschuld. Das ist ok, aber für einen ganzen Abend etwas dünn. Regie und Verführung gehen anders.

Skrupelloses Machtgebaren

Die Oper mit ihrer Story und bekannten Musik ist weltweit ein Dauerbrenner. In der Arena von Verona singt das Publikum laut mit. Wer kennt nicht die Arie „La donna è mobile“? Vor unseren Augen tauchen der stimmgewaltige Luciano Pavarotti, Enrico Caruso, Andrea Bocelli und einige andere auf.
Eine sichere Opernbank also. Unmoral und Verführung funktionieren immer. Eine schöne junge Frau, ein lüsterner alter Mann, auf Unrecht folgt Rache, doch ohne Happy End. In Berlin hätte das funktionieren können, denn die Sänger hatten optisch und stimmlich das Zeug dazu.

Die US-amerikanische Sopranistin Nadine Sierra ist jung und wunderschön, ihr nimmt man das naive, eingesperrte Mädchen gerne ab. Mehr noch. Sie ist ein Glücksgriff als Gilda. Ihre schöne und leichte Stimme entfaltet sich in verschiedenen Facetten. Sie trägt, verzaubert, leuchtet. In einigen Momenten erinnert sie gar an die junge Montserrat Caballé, wie sie die Töne zum Ende hin lang ausklingen lässt. Ihr Landsmann Michael Fabiano als Herzog von Mantua harmoniert mit ihr perfekt. Er gefällt in den gefühlvoll interpretierten Passagen, da klingt er warm und voluminös, singt auf Spitzenniveau, während er insgesamt leider auf Kraft und zu viel Lautstärke setzt. Dafür erhielt der Tenor neben Beifall auch Buhrufe. Christopher Maltman in der Titelpartie sticht aus dem Sängerensemble heraus. Der britische Bariton überzeugt sowohl gesanglich als auch als Schauspieler. Er geht aus sich heraus, ist stimmpotent und erhielt mit Abstand den meisten Applaus. Zu Recht. Auch das restliche Ensemble agiert homogen auf hohem Niveau. Besonders Jan Martiník als Sparafucile und Elena Maximova als Maddalena liefern eine mehr als veritable Leistung ab. Nur bekomme ich in keinem einzigen Moment Gänsehaut.

 

Wenig Inspiration

Der kolumbianische Dirigent Andrés Orozco-Estrada hat mit seinen gerade einmal 41 Jahren eine beeindruckende Vita vorzuweisen. Unter seinem Taktstock spielten bereits  das London Philharmonic Orchestra, die Berliner Philharmoniker, die Staatskapelle Dresden, das Gewandhausorchester Leipzig, zahlreiche amerikanische Orchester in Philadelphia, Pittsburgh, Cleveland und Chicago. Ab der Spielzeit 2021/22 wird er Chefdirigent der Wiener Symphoniker. Mit seinem Debüt an der Staatsoper Unter den Linden blieb er hinter den Erwartungen zurück und wird sich hier noch nicht unter die Spitzen-Maestri reihen dürfen. Glatt, sauber, aber ohne italienisches Temperament und Feuer spielt die Staatskapelle unter seiner Leitung sehr solide, allein die Oboen begeistern.

Die Oper Rigoletto gilt zusammen mit den kurz darauf entstandenen Opern Il Trovatore (1853) und La Traviata (1853) – bekannt als »Trilogia popolare« – als Höhepunkt von Verdis Schaffen. Die tragische Oper war schon bei ihrer Uraufführung ein großer Erfolg.

Die Handlung beruht auf dem 1832 von Victor Hugo als Drama geschriebenen Theaterstück  Le Roi s´amuse, wo die Tochter des Hofnarren Triboulet, Blanche, entführt wird, um als Mätresse dem König zu dienen, der von seinem droit de seigneur Gebrauch machen will. Ein anderer Vater, Monsieur de Saint-Vallier, dessen Tochter ebenfalls vom König missbraucht worden war, war von Triboulet zuvor verhöhnt worden, worauf der Vater diesen verflucht. Der Fluch erfüllt sich am Ende an der geliebten Tochter des Hofnarren versehentlich durch dessen eigene Hand.
Bei Verdi wird aus dem König ein ewig geiler Herzog, der die jungfräuliche Tochter des Hofnarren beim sonntäglichen Kirchgang entdeckt und verführt.

Während Victor Hugos Stück noch am Tag nach der Premiere verboten wurde, weil es politischen Sprengstoff enthielt und man seinen Autor später aus Frankreich verbannte, waren die 28 Opern-Aufführungen im Teatro La Venice ausverkauft. Jahrelang stritt Hugo vor Gericht, um das Plagiat seines Stückes zu verhindern. Als er die Oper aber mit eigenen Augen sah, war er absolut begeistert. Die Begeisterung am Premierenabend dagegen hielt sich in Grenzen. Wohlwollender Applaus und viele freie Plätze. Einige sind nach der Pause gar nicht erst wieder gekommen.

Fazit: Diese Aufführung wird wohl kein Rigoletto par excellence werden, dazu fehlt es der Inszenierung an Phantasie und Temperament.  Allein Christopher Maltman, Nadine Sierra, Jan Martinik, Serena Sáenz und Corinna Scheurle sind den Besuch wert.

 

Daniela Debus
Nächste Aufführungen am 5., 8., 10. und 16, Juni 2019

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