Poros – eine Indienreise

Poros

Eric Jurenas (Sir Alexander), Dominik Köninger (Poros) und Ruzan Mantashyan (Mahamaya) ) (Foto: Monika Rittershaus)

Poro, Re dell’ Indie (HWV 28), Oper (Dramma per musica) in drei Akten von Georg Friedrich Händel. Textbuch von Pietro Metastasio. Uraufführung am 2. Februar 1731 im King’s Theatre, London. Premiere in der Komischen Oper Berlin am 19. März 2019.

Poros, König eines indischen Reiches: Dominik Köninger
Mahamaya, Königin eines anderen indischen Reiches: Ruzan Mantashyan
Gandharta, Feldherr des Poros: Philipp Meierhöfer
Sir Alexander: Eric Jurenas
Nimbavati, Schwester des Poros: Idunnu Münch
Timagenes: João Fernandes

Chor der Komischen Oper Berlin
Orchester der Komischen Oper Berlin
Musikalische Leitung: Jörg Halubek
Inszenierung: Harry Kupfer

Musik:
Inszenierung:

Harry Kupfer ist zurückgekehrt an die Komische Oper. Mit ihm Hans Schavernoch, langjähriger Bühnenbildner, Kostümbildner Yan Tax und zahlreiche Fans des inzwischen 83 jährigen. Barry Kosky hatte den Altmeister eingeladen, bei freier Stückwahl 17 Jahre nach seinem Abschied erstmals wieder am alten Stammhaus zu inszenieren. Der einstige Chefregisseur musste nicht lange überlegen. Er wählte ein Stück, dem er in seinen Studientagen als Regieassistent 1952 in Halle bei den Händel-Festspielen erstmals begegnet und zu dessen Inszenierung es in seinen 21 Jahren in Berlin irgendwie nie gekommen war: Händels Barock-Rarität Poros. Das Stück basiert auf einem Stoff der griechischen Antike, dem Eroberungsfeldzug Alexanders des Großen in Indien, 1731 uraufgeführt, wenige Jahrzehnte nach Gründung der „East India Company“, mit der die Briten Indien kolonisierten. Ein zeitloser Konflikt und ein aktuelles Thema. Es geht um Macht. An der Seite des Urgesteins Kupfer ein hochkarätiges Ensemble:  Der 41 jährige Barock-Spezialist, Cembalist und Organist Jörg Halubek gab sein Debut als Dirigent an der Behrenstraße. Die Übersetzerin und Dramatikerin Susanne Felicitas-Wolf erarbeitete eine Nachdichtung des Librettos von Pietro Metastasio ins Deutsche. Als Händel sich des Stoffes mit dem Titel Allessandro nell´Indie annahm, gestaltete er den Originaltext um, machte ein Musikdrama daraus, legte die Psychologie der Figuren an und nannte es Poro, Re dell´Indie.

Die Zuschauer schauen in einen teils gemalten, projizierten und sogar dreidimensional plastischen Urwald mit riesiger Buddha-Statue inklusive ausgestaltetem Plafond am Proszenium, als sich der durchscheinende Gazevorhang hebt. Ein grandioser und gelungener Auftakt für den ausverkauften Premierenabend. Britische Kolonialisten in Khakianzug und Tropenhelm stehen zwei schönen Inderinnen in goldbestickten Saris und Männern mit Pluderhosen gegenüber und versetzen uns in die Zeit, als der britische Zugriff auf den indischen Subkontinent erfolgte. Der Orchestergraben wurde leicht erhöht, so dass wir ein wenig mehr von den Musikern sehen können, als sonst üblich.

Susanne Felicitas Wolff hat neuen Text innerhalb der Arien geschaffen, der dank des Stimmenpotentials seiner Sänger und Sängerinnen vollständig zu verstehen ist. Das dreiteilige Schema A-B-A der Barockarien wurde zum Teil aufgebrochen. Was einst in Halle noch einen Sturm der Entrüstung unter Musikwissenschaftlern hervorrief, die dieses Vorgehen als stillos empfanden, trägt beim Publikum den Sieg davon. Handlung und Musik bilden eine Einheit, als Drama.

Poros ist ein Kammerspiel ohne Chor. Wie in für die Barockzeit typischen Handlungskonstruktionen drehen sich die Figuren um emotionale Konflikte, Liebe, Treue und Eifersucht. Neben Arien gibt es bei Händel Duette, nur selten Terzett oder Quartett. Um optisch nicht ganz ohne Chorgemeinschaft zu sein, welche sich aktuell mit der Zauberflöte auf Tournee in Australien und Neuseeland befindet, ersetzen an die 40 Statisten den Chor pantomimisch.

Die Video-Projektionen des Urwalds mit bewegtem Wasser und mit Mauern eines Tempelinneren wirken gigantisch, scheinbar widerspiegeln sich die auf der Bühne brennenden Fackeln mit farbigen Reflexen. Der indische Urwald kommt außer einer  riesigen Raubkatze ganz ohne Geräusche und Tiere aus.

Die Solisten bewegen sich auf einer leicht schrägen, an den Rändern gezackten, langsam rotierenden Drehbühne, vergleichbar einem großen Stern Im Knoebels. In der Ouvertüre sticht ein Mehrmaster mit britischer Flagge zur Indien-Exkursion im Hintergrund in See. Das ist wunderbar reduziert und perfekt zugleich. Am Schluss, nach dem Happy End, als die Inder zum Zeichen des Friedens Gewehre aus Kisten der „East India Company“ erhalten, man gemeinsam Whisky trinkt und Alexander den Besiegten großherzig als Herrscher eines Landesteils einsetzt und ihm sogar eine Geliebte zubillgt, senkt sich der Proszeniumsplafond herunter und zeigt auf der Rückseite eine wehende britische Flagge. „Brexit“ tönt es vereinzelt aus dem Publikum. Schön, wenn auch inhaltlich etwas dünn.

 

Eine Zeitreise

Die Verlegung in die Entstehungszeit des Werkes verändert auch die Musik. Im Original sind die indischen Herren, König Poros und sein Feldherr Gandharte, mit Altisten besetzt, Alexander der Große mit einem strahlenden Tenor. Die Produktion an der Komischen Oper vertauscht die Gewichtung. Die Inder sind auf die tiefen männlichen Stimmen verlagert, Alexander hingegen singt ein Counter, Eric Jourenas.

Der Dirigent Jörg Halubek leitet grazil mit großer Leichtigkeit sein fulminantes Orchester der Komischen Oper durch diesen großen Abend. Zwar gibt es wenig Exotik zu hören, dafür Trompeten und das Horn als Begleitung einer Arie. Doch der junge Spezialist für Alte Musik wartet mit originellen, die Thematik der vorangegangenen Nummer aufgreifenden, ins Rezitativ oder in die nächste Arie überleitenden, solistischen Instrumentalsoli auf und fängt damit größenteils den Zwischenapplaus ab. Beglückend das sequenzierte Duett von Bariton und Sopran als dem hohen Paar, welches Händel aus seiner Oper Galatea e Polifemo eingefügt hat. Einige Dialoge werden gesprochen, melodramatisch oder ohne Musik. Die Rolle des Sir Alexander ist überaus positiv gezeichnet, die Eric Jurena stimmlich souverän und klar voller Kolraturkompetenz meistert. Nicht ganz verständlich ist die Intrige seines Vertrauten, des Griechen Timagenes, João Fernandes, dessen Verrat Alexander großmütig verzeiht. Philipp Meierhöfer als Gandharta hier treuer Diener, der im Königsgewand seinen Herrn vertritt, verleiht seiner Partie in der Liebe zu Poros’ Schwester Nimbavati die nötige Romantik voller Schmelz und Zartheit in der warmen Stimme. Idunnu Münch gestaltet die Nimbavati sehr eindrucksstark. Die bildhübsche Ruzan Mantashyan als indische Königin Mahamaya singt anfangs noch ein wenig verhalten, gewinnt mit dem Ausdruck von erhabener Liebe und Treue im Laufe des Abends immer stärker an Profil und brilliert technisch. Bariton Dominik Köninger als permanent eifersüchtiger, zweifelnder und aufbrausender König, meistert die umfangreiche Titelpartie differenziert und kraftvoll.

 

Solide Handwerkskunst

Harry Kupfer führt seine Figuren wie ein Alter Meister, der routiniert sein Handwerk versteht und wenig dem Zufall überlässt. Er weiß, wie er welche Wirkung erzielen kann und wie er zeittypische Langatmigkeit vermeidet. Natürlichkeit im Ausdruck kommt bei ihm vor überflüssiger Effekthascherei. Die Gefühle der Protagonisten zu einander sind jedoch wenig glaubwürdig und die rostrot gewandeten Inder wirken nicht weniger blutleer als die blass gekleideten kleinen Briten.

Am Ende des gut dreistündigen Premierenabends gab es einhelligen Applaus und Standing ovations für den sichtlich gerührten Meister, der weitermachen will, solange er eine Chorprobe noch im Stehen leiten kann.

Welcome home, Harry.

Weitere Aufführungen: 29. März, 13. und 20. April, 4. Mai und 25. Juni 2019.

Daniela Debus (Publiziert am 19/3/2019)

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