MEDEA: GRANDIOSER WAHNSINN IN NACKTEM BILD

Médée

lsa Dreisig, Dircé. Copyright Bernd Uhlig.

Médée, Oper in drei Akten von Luigi Cherubini. Die Uraufführung der französischen Erstfassung mit gesprochenen Dialogen fand am 13. März 1797 im Théâtre Feydeau in Paris statt. Eine gekürzte deutschsprachige Zweitfassung wurde erstmals am 6. November 1802 im Kärntnertortheater in Wien aufgeführt. 1855 ersetzte Franz Lachner die Dialoge durch Rezitative, die 1865 von Luigi Arditi ins Italienische übersetzt wurden. Premiere in der Staatsoper Berlin am 7. Oktober 2018.

Médée: Sonya Yoncheva
Jason: Charles Castronovo
Créon: Iain Paterson
Dircé: Elsa Dreisig
Néris: Marina Prudenskaya
Erste Begleiterin der Dircé: Sarah Aristidou
Zweite Begleiterin der Dircé: Corinna Scheurle

Dirigent: Daniel Barenboim
Inszenierung: Andrea Breth

Musik:
Inszenierung:

Wenig gibt es zu sehen. Aber alles zu hören und zu erleben. Das Bühnenbild ist kahl und grau, ein wenig Kunstdepot und DHL Station. Hier, in diesen garagenartigen Lagerhallen kommt es zum Scheidungskrieg zwischen Medea und ihrem untreuen Gatten Jason.

Die Vorgeschichte: Jason war mit den Argonauten ausgezogen, um in Kolchis am Schwarzen Meer das Goldene Vlies zu erbeuten. Die Königstochter Médée und Jason verlieben sich ineinander und mit ihrer Hilfe kann er das Vlies aus dem Besitz ihres Vaters entwenden. Ihrer beider Flucht gelingt, weil Médée ihren jüngeren Bruder ermordet und zerstückelt. Die Verfolger werden gezwungen, die ins Meer verstreuten Leichenteile einzusammeln und die Liebenden können entkommen. Später flieht das heimatlose Paar, inzwischen Eltern von zwei Söhnen, durch Griechenland, wird getrennt. Jason erreicht mit seinen Söhnen Korinth, wo sich ihm die Chance bietet, die dortige Königstochter, Dircé, zu heiraten.

Hier ist der Schauplatz von Euripides´ Tragödie und Cherubinis Oper. Von ihrem Ehemann verstoßen, vom dortigen König Créon verbannt, wird Medea, als man ihr auch noch die Kinder nehmen will, zum grausamen Racheengel.

Das 220 Jahre altes Meisterwerk der griechischen Mythologie, welches seit seiner Entstehung mehrere hundert Literaten, Maler, Theatermacher und Komponisten interpretiert haben, wurde für die Staatsoper modernisiert und neu gedeutet. Daniel Barenboim hat sich das Stück und Andrea Breth für die Inszenierung gewünscht. Es ist ihrer beider dritte Zusammenarbeit in Berlin.

Komponiert wurde Médée für eine Pariser Bühne in der dort üblichen Form der Opéra comique, mit Musiknummern, die durch gesprochene Dialoge voneinander getrennt waren. Sonderlich erfolgreich war die Oper einst nicht, wurde nach 2 Jahren und 37 Vorstellungen aus dem Programm genommen. Dennoch begründete sie Cherubinis weltweiten Opernerfolg mit. Besonders im deutschsprachigen Raum kam sie danach immer wieder auf die Bühne.

1953 führte Maria Callas das Werk zum Triumpf. Es wurde ihre Paraderolle. Ihre elektrisierenden Auftritte in dieser Partie und der Medea-Film Pasolinis, in dem sie 1969 die Hauptrolle spielte, machten sie und die Oper berühmt. Es braucht viel Kraft für diese Rolle. Die bulgarische Starsopranistin Sonya Yoncheva als Medea ist ein Glücksfall. Sie singt mal warm, mal scharf, verfügt über die nötige Leichtigkeit in der Stimme, beherrscht die Bühne, macht daraus ihre Solo-Show.  Lila gewandet und barfuß kriecht sie klagend über den Asphalt. Sie jammert, kauert, wütet, klagt, schreit und verführt. Mit ihrer körperlichen Ausdruckskraft läßt sie uns fühlen, was sie selbst empfindet.

Jason, Kreon, Dircé und die anderen werden zur Staffage. Es ist ihre große Solo-Show. Schauspielerisch und stimmlich ist Yoncheva an diesem Premierenabend überragend. Mit ihrer ausladenden Stimme verausgabt sie sich expressiv, ihre Modulation ist faszinierend.

Andrea Breth arbeitet ausschließlich mit dem originalen Sprachmaterial, welches sie einer radikalen Strichfassung unterzieht.
Aus Medea macht sie ein schwarzhaariges Bettelweib, eine Ausgestoßene mit dunkler Haut, chancenlose Inkarnation aller Frauenschicksale, die in der Opernwelt sterben oder scheitern müssen. Sie wird gegen eine junge Blondine ausgetauscht, ist Opfer und Täter zugleich. Medea bettelt, fleht. Sie intrigiert und verliert, tötet radikal, erst die neue Braut, danach die eigenen Söhne. Überhaupt ist die hochkarätige Besetzung sehenswert.

Charles Castronovo als Jason singt voller Schmelz betörend in den Höhen, ein wenig kehlig und belegt in der Mittellage. Elsa Dreißig als Dircé verfügt über eine glockenhelle Stimme voll schwebender Leichtigkeit und vitaler Kraft. Sensationell weiß Marina Prudenskaya in ihrer winzigen Rolle als Dienerin Néris die Töne zu deckeln, sie singt warm und weich. Iain Patersons Bass ist strahlend, von seltener Fülle und großer Kraft, was nicht immer ganz zu seiner Rolle als Créon passt.
Carla Tetis hüllt Medea in ein wallendes Gewand, einer Zauberin würdig. Im Bühnenlicht harmoniert es mit dem Brombeerton von Jasons Anzug. Dircé strahlt im goldenen Prachtgewand, die anderen tragen Straßenkleidung.

Barenboim hat seine Staatskapelle auf unter 50 Musiker zusammen geschmolzen, auf Kammerorchestergröße. Am Pult findet er den perfekten Cherubini-Ton. Die Musiker ergänzen die Sänger, unterstützen statt zu übertönen und setzen feinste Akzente.

Die Lichtregie von Olaf Freese projiziert übergroße, übermächtige Schatten und durch beinahe pyrotechnische Effekte bekommt das karge Betonambiente seinen leicht mystischen Hauch. Die grafisch klaren Bühnenbilder von Martin Zehetgruber sind drehbare, durch Rolltore trennbare, ineinander übergehende Räume, deren weiße Wände vom Boden her zu rosten scheinen. Gefüllt mit Kisten und zwei Statuen eines Rappen, einer vollständig, der abgeschlagene Kopf des zweiten liegt in der Mitte der jeweiligen Halle. Jason scheint Medea noch immer zu lieben und auch Créon erliegt ihrem Werben, aber er verwehrt ihr das Bleiben. Ihr Schicksal ist besiegelt. Sie bittet um eine letzte Nacht mit ihren Kindern. Als diese Bitte ihr erfüllt wird, vergiftet sie ihr Brautkleid und die Krone, schickt ihre Söhne mit diesen Gaben zur Braut. Dircé stirbt qualvoll und mit ihr Créon, der seiner Tochter zur Hilfe eilen will.

Fackelträger und insbesondere die Feuersbrunst am Ende verursachen ein angenehmes Schaudern. Am Schluss brennt der ganze Palast. Die Kinder und die Nebenbuhlerin sind tot und Medea stirbt eindrucksvoll vor dem sich schließenden Vorhang.

Der Jubel des Publikums ist zu Recht riesig und die Staatsoper darf sich auf ein volles Haus bei den nächsten Aufführungen freuen.

Weitere Termine am 12., 17., 20., 25. und 28.Oktober

Daniela Debus (Publiziert am 9/10/2018)

Geef een reactie

Het e-mailadres wordt niet gepubliceerd. Vereiste velden zijn gemarkeerd met *

Deze website gebruikt Akismet om spam te verminderen. Bekijk hoe je reactie-gegevens worden verwerkt.