MACBETH, DIE ZWEITE

Macbeth

Staatsoper Berlin. Macbeth. Credits: Bernd Uhlig.

 

Macbeth ist eine Oper in vier Akten von Giuseppe Verdi. Das Libretto wurde von Francesco Maria Piave und Andrea Maffei nach dem Drama Macbeth von William Shakespeare geschrieben. Die Uraufführung fand am 14. März 1847 im Teatro della Pergola in Florenz statt. Eine revidierte Fassung wurde am 21. April 1865 im Théâtre-Lyrique in Paris uraufgeführt. Besuchte Aufführung in der Berliner Staatsoper am 23. Mai 2019.

MACBETH:  Plácido Domingo
BANCO: René Pape
LADY MACBETH: Ekaterina Semenchuk
KAMMERFRAU: Evelin Novak
MACDUFF: Sergio Escobar
MALCOLM: Andrés Moreno García
ARZT: David Oštrek
MÖRDER, ERSCHEINUNG: Giorgi Mtchedlishvili
ZWEI ERSCHEINUNGEN: Solisten des Kinderchors der Staatsoper Unter den Linden

MUSIKALISCHE LEITUNG:  Daniel Barenboim
INSZENIERUNG: Harry Kupfer

Musik:
Regie:

Großartige Wiederaufnahme in Berlin

2018 hatte Harry Kupfers Inszenierung von Verdis Macbeth ihre Premiere in der Berliner Staatsoper „Unter den Linden“. Am 23. Mai 2019 stand die erste Wiederaufnahme auf dem Programm.

Gut, die Hexen als Leichenfledderer auf einem Schlachtfeld (im 1. Weltkrieg?) ergeben noch immer keinen Sinn. Die überzeichneten Fantasieuniformen der Protagonisten sind nach wie vor lächerlich und unpassend, und es gibt nichts in dieser Inszenierung, das nur annähernd werkgerecht wäre (ok, das Blut vielleicht). Aber man nahm dies irgendwie nur mehr am Rand wahr, wenn man sich auf die großartigen sängerischen Leistungen konzentriert, die an diesem Abend geboten wurden.

Nach Anna Netrebko im Vorjahr sang heuer Ekaterina Semenchuk die Lady Macbeth. Beide gesehen – kein Vergleich! Sowohl technisch als auch schauspielerisch überzeugte mich die diesjährige „Lady“ von Anfang an viel mehr. Mit unglaublicher Leichtigkeit schwang sie sich aus tiefer, gutturaler Lage in schwindelnde Höhen, nur um kurz darauf diabolisch zu pfauchen. Semenchuk hatte ihre Stimme und ihre Atmung zu jeder Zeit unter Kontrolle. Auch darstellerisch bot sie eine Vorstellung der Extraklasse – und stand damit auf einer Stufe mit ihrem „Bühnengatten“, der auch heuer von Plácido Domingo gesungen wurde. „Unglaublich, der Mann“, flüsterte mein Sitznachbar fasziniert, nachdem der Ausnahmekünstler für sein grandioses, kraftvolles und emotionsgeladenes „Pietà, rispetto, amore“ beinahe eine Minute lang tosenden Applaus bekam. Vom Anfang bis zum Schluss bestach Domingo mit einer unheimlich starken stimmlichen Leistung, der auch gelegentliche kleine Textunsicherheiten nichts anhaben konnten. Wenn man die Augen schloss (um die groteske Inszenierung nicht sehen zu müssen), meinte man, ein 40-Jähriger würde auf der Bühne stehen, so kraftvoll und intakt hat er sich sein Instrument bewahrt.

Wenn man die Augen schloss – sah man allerdings auch nicht, wie packend, dramatisch und lebendig er diese Rolle gestaltete, wie glaubwürdig er vom naiven Ehemann zum skrupellosen Mörder und schließlich zum bereuenden Menschen wird. Ein Opfer seiner machtgierigen Ehefrau und seines eigenen Ehrgeizes, das am tragischen Ende erkennt, wie sinnlos und vergeblich alles war … Domingo bleibt erschütternd bis zu seinem packenden Bühnentod.

Laut, sehr laut

Eine weitere Verbesserung im Vergleich zur Premiere 2018 war in der Rolle des Banco zu hören, der heuer von René Pape gesungen wurde. Sein satter, robuster Bass begeistert durch seine klare Linie, kein unsicheres Zittern, kein Schwächerwerden in hohen oder ganz tiefen Lagen stören hier. Papes starke Bühnenpräsenz bereicherte diese Vorstellung ungemein, und ich genoss jeden Moment seiner Darbietung.
Als Macduff debütierte der Spanier Sergio Escobar in Berlin,  kürzlich noch zu sehen und zu hören bei der Ermordung von Madama Butterfly durch Robert WIlson im Amsterdamer Muziektheater. Der erste Eindruck: laut. Sehr laut. Die Stimme selbst verfügt eigentlich über ein schönes Timbre, es will ihm aber nicht immer gelingen, dies auch natürlich strömen zu lassen. Die (stark hörbar) eigentümliche Atemtechnik scheint ihn daran zu hindern. Schade! Nach den ersten – eher gepressten und gebellten – Tönen wurde er zwar im Verlauf des Abends besser (vielleicht nach abgelegter, anfänglicher Debüt-Angst?), aber insgesamt bot er eine eher unbeständige Leistung. Es sei ihm bei seinem Debüt neben drei so routinierten und hochkarätigen Bühnenkollegen verziehen …

Die kleine Rolle des Malcolm wurde von seinem Landsmann Andrés Moreno Garcia gesungen, dessen Stimme im Vergleich zu Escobars nur halb so groß war. Gestalterisch hatte er nicht viele Möglichkeiten, daher hinterließ er auch keinen besonderen Eindruck. Die Rolle der Kammerfrau war mit Evelin Nowak solide besetzt. Sie lieferte noch jedes Mal, wenn ich sie gehört hatte, eine konstante, sehr gute Leistung ab. Der Chor, insbesondere jener der Hexen, hatte wohl seit dem Vorjahr viel geprobt, denn heuer bot er eine wesentlich harmonischere und akkuratere Vorstellung als 2018.

Energisch und zügig

Daniel Barenboim führte die Staatskapelle Berlin energisch und zügig durch die Partitur. Gelegentlich überwogen die lauten Passagen, in einigen Augenblicken hätte ich mir ein etwas langsameres Tempo gewünscht. Aber insgesamt bescherte er uns einen packenden, spannenden und farbenreichen Verdi-Abend, der das Publikum atemlos-beglückt hinterließ. Stehende Ovationen und Bravo-Rufe – am lautesten für den unverwüstlichen Domingo – zeugten davon, dass grandiose Sänger selbst aus traurigen Inszenierungen unvergessliche Vorstellungen machen.

Gabi Eder (publiziert am 24. Mai 2019)

1 Comment

  1. Christine Linke schreef:

    Da ich leider nicht in Berlin sein konnte, freue ich mich um so mehr darüber, diese wunderbare Besprechung lesen zu dürfen. Was kann ich zu den obigen Worten hinzufügen? Im Grund kann ich nur DANKE sagen.

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