Kindesmissbrauch in der Komischen Oper

M – Eine Stadt sucht einen Mörder

Scott Hendricks (M, der Mörder) & Statisterie der Komischen Oper Berlin (Foto: Monika Rittershaus)

M – Eine Stadt sucht einen Mörder, Oper in einem Akt von Moritz Eggert. Libretto von Barrie Kosky und Ulrich Lenz nach dem gleichnamigen Film von Fritz Lang und unter Verwendung von Gedichten von Walter Mehring. Auftragswerk der Komischen Oper Berlin. Premiere am 5. Mai 2019.

M, der Mörder: Scott Hendricks
Solosängerin: Alma Sadé
Solosänger: Tansel Akzeybek

Kinderchor und Kinderkomparserie der Komischen Oper Berlin
Sänger*innen des Opernstudios und des Vocalconsorts Berlin
Musikalische Leitung: Ainārs Rubiķis
Inszenierung: Barrie Kosky

Musik:
Inszenierung:

Uraufführung für die Oper M – Eine Stadt sucht einen Mörder. „Jetzt seid Ihr dran“ piepst am Schluss ein kleines bezopftes Mädchen allein in den Zuschauerraum, nachdem man den Mörder, gestellt von der Unterwelt, hat sagen hören „Ich kann doch nichts dafür“.

Der Vorhang fällt, das Publikum im ausverkauften Haus an der Behrenstraße applaudiert lang. Barrie Kosky springt fröhlich-heiter wie immer umher und verbeugt sich glücklich, badet im Applaus mit seinem Team. Was sonst erfreut, wirkt nach dieser Aufführung deplatziert. Ein einziges Buh für den Komponisten Moritz Eggert. Sonst schreit niemand auf oder macht seinem Unmut Luft, auch nicht bei der anschließenden Premierenfeier. Vereinzelt meint man, leicht irritiertes Lächeln auf den Gesichtern zu sehen, doch im Gespräch betonen alle bis auf die, die den Saal vorzeitig beim „Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann“ verlassen haben „Es habe gefallen, toll war´s, wenn auch mit einigen Längen.“ Nein, das war es nicht. Eine komplett vertane Chance, ein ärgerlicher und zum Teil extrem langatmiger Abend, der am Ende wütend macht, weil es Mitleid mit dem Täter gibt, doch die Kinder gleich doppelt missbraucht wurden, in der Handlung und als anonyme Darsteller über gut einhundert Minuten. Sie tragen den Abend und sind doch bis auf eine Szene, in der sie alle um den Mörder herumspringen, spielen und tanzten, weitgehend hinter ihren Masken als Polizei, Bürger und Kriminelle unsichtbar. Und diese Szene ist besonders gruselig. Sie umfassen, berühren, streicheln und locken den Kinderschänder, wobei fast der fatale Eindruck entsteht, sie seien selbst schuld an ihrem Schicksal, wenn die Mädchen ihn in kurzen Röcken und die Jungs mit Shorts, Hemd, Fliege, Weste locken und verführen. Das ist perfide und ekelig zugleich.

 

Psychogramm eines Mörders

Das Bühnenbild ist aufgeteilt in Oben und Unten. Hier spielende Kinder, Polizeirevier, Einheitsfassade der Siedlungshäuschen, dort Prostituierte, Diebe, Bettler und Halbwelt. Der Auftakt ist fulminant „Warte, warte nur ein Weilchen…“, sowohl im Film, wo Kinder das Haarmann-Lied als Abzählreim benutzen, als auch auf der Bühne. Spannung wird allein versucht, durch die Musik zu erzeugen. Wie eine Ziehharmonika in ochsenrot fährt eine Häuserzeile auf, Türen gehen auf. Tür an Tür, ohne auch nur die Spur eines Verdachtes zu erregen, lebt der Mörder inmitten der Gesellschaft. Er ist unter uns und jeder könnte es sein. Zarte Kinderkörper mit verhärmten riesigen Erwachsenenköpfen schauen aus den Türen heraus. Das ist „Augsburger Puppenkiste“ mit Gebärdensprache der Marionetten – subtil kindgerecht. Später turnt der Mörder durch Gitterstäbe, die ihn als Gefangenen seiner Gefühle „Will nicht! Muss!!“ zeigen. Die Frage nach der Schuldfähigkeit eines Mörders war für Fritz Langs Film und Zeit geradezu revolutionär. Der Philosoph und Publizist Theodor Lessing ging ihr auch im Falle des zum Tode verurteilten Serienmörders Fritz Haarmann nach. „Der Mensch ist so anfällig … geworden, dass man auch den stärksten, kühnsten und klügsten mit leichter Mühe durch ein paar Tage Käfig zu allem Bösen wie allem Irrsinnigen bringen kann.“ Lessing gibt der Gemeinschaft eine Mitschuld. Auf der Bühne singt Scott Hendricks als M auf Verse Walter Mehrings: „Hier steht ein Mann und singt ein Lied. Am Rand der Zeit. Die außer Rand und Band geriet…“

Barrie Kosky und Moritz Eggert beschränken sich darauf, eine mega-erfolgreiche Vorlage textlich ein wenig zu kürzen, dazu „eine wilde Mischung aus liedartigen Melodien, sphärischen Klangräumen, Drehorgeln, Jazz, Choralartigem und fertig ist ein Stadt-Klangbild, welches gleichermaßen die bedrohliche Außenwelt schildert wie es ein inneres Seelengemälde des Gejagten ist.“ Wo die Handlung nicht trägt, wird die Musik laut aufgedreht mit Schlagzeug, Drumsets, Akkordeon, E-Bass, E-Gitarre und vier verschiedenen Keyboards mit Vintage-Synthesizer-Sound der 80er Jahre. Laut ist es an diesem Abend. Das Orchester unter der Leitung von Ainaes Rubikis gibt alles und das Zusammenspiel zwischen Bühne und Orchestergraben hinterlässt Eindruck.

 

Bestie Mensch

Bei Lang wird ein mehrfacher Kindermörder von der Polizei und Unterwelt gejagt, eindringlich dargestellt vom damals 26jährigen Peter Lorre mit Unschuldsgesicht, wie es der nette Nachbar von nebenan hat. Weder Fratze noch Monster. Einer, der am Schluss die Welt nicht versteht. Die Polizei ist hilflos, trotz des berühmten Kommissars Ernst Gennat, auch Buddha vom Alexanderplatz genannt, Erfinder der Spuren- und Tatortsicherung mit Vorliebe für Filterkaffee und Torte. Mehr als 30 Jahre lang arbeitete der Mann mit der imposanten Körperfülle unter drei politischen Systemen, galt als einer der begabtesten und erfolgreichsten Kriminalisten, dessen Rat selbst von Scottland Yard gefragt war. Sein Büro war ein Mix aus plüschigem Wohnzimmer mit grüner Sitzgarnitur und Gruselkabinett mit Axt und präpariertem Frauenkopf, der einst aus der Spree gefischt worden war und nun als Zigarettenanzünder diente. Doch selbst ihm war es über Monate nicht gelungen, den Kindermörder zu fassen, so dass Kriminelle aus Berlins Unterwelt bei der Jagd „dieser Bestie, die kein Recht hat zu existieren“ aktiv werden mussten.

Da setzt die Inszenierung der Komischen Oper an. Fritz Eggert und Regisseur Barrie Kosky versuchen, im Rückblick das Psychogramm eines Kinderschänders in gut einhundert Minuten auf der Bühne darzustellen. Auch hier eine Stadt in Aufruhr. Mehrere Kinder sind bereits tot. Inmitten von Erwachsenen in Kinderkörpern mit übergroßen Masken und Kleidern der 30er Jahre, ist der Mörder, überzeugend verkörpert vom texanischen Bariton Scott Hendricks, der einzige Mensch von normaler Statur. Kinderkomparsen spielen diese geschrumpften Erwachsenen mit Schwellköpfen und perfekt bis ins Kleinste einstudierten Gesten und bewusst übertriebenen Bewegungen. Ihre Stimmen erklingen singend und sprechend aus dem Orchestergraben und aus dem Off. Das ist putzig anzuschauen, nutzt sich aber im Laufe des Abends ab.

 

Aktueller Albtraum

Gerade erst hat der Kindesmissbrauchsfall auf dem Campingplatz in Lüdge uns wieder aufgeschreckt, wo ein Pädophiler über Jahre mit seinen Komplizen unentdeckt blieb. Kinderpornographie, sexuelle Übergriffe in der Römisch-Katholischen Kirche, tausende Kinder, die jedes Jahr allein in Deutschland verschwinden und wie vom Erdboden verschluckt bleiben. Das Thema ist aktueller denn je. Im ORF wurde M – Eine Stadt sucht einen Mörder gerade als 6 teilige Miniserie neu verfilmt. Arte zeigt in einem Doku-Drama mit Heino Ferch eindrucksvoll, wie es zur Entstehung von Fritz Langs erstem Tonfilm kam. Anfang der 30er Jahre war der Regisseur der Stummfilm-Meisterwerke Nibelungen und Metropolis fast besessen von den grausamen Taten des Serienmörders Peter Kürten und dem Bösen an sich. Es gelang ihm, aus diesem Stoff eines der bedeutendsten Werke des Deutschen Films zu machen, bis heute, fast neunzig Jahre später.

Moritz Eggert hat keine Oper geschrieben, sondern Kinderlieder, die es in den 30er Jahren bereits gab, mit Sprache, Geräuschen, teils elektronisch verstärkt und mit verfremdetem Surround-Klang gemischt und so versucht, das Publikum in den Kopf des Mörders zu führen. Das ist manchmal geglückt, wird aber dennoch bald ermüdend, so dass um mich herum gefühlt jeder dritte über weite Strecken schlief.

Scott Hendricks als „M“ agiert als Einzelgänger inmitten der Kinder. Kleinwüchsige Polizei, Bevölkerung und Kriminelle. Ein Kind als Schatten, der ihm folgt. Anders als Peter Lorre tritt er nicht unschuldig, sondern fast dämonisch auf. In Jeans und blauem T-Shirt wirkt er im ersten Moment zu lässig, doch wie einer, der gerade von der Straße hereinkommt, beliebig, eine Allerwelt-Figur, denn wir alle könnten ein Mörder sein. Somit ist er zwar nicht passend zu den Kostümen der anderen, die ein genaues Bild der 30er Jahre abgeben, aber verkörpert einen Andersgearteten, Ausgestoßenen, der durch eine Welt taumelt, die ihm selbst fremd ist. Anfangs klingt sein Gesang durch die elektronische Verstärkung künstlich-blechern, später erschreckend authentisch. Stimmlich und mit seiner Statur ist er eine gute Wahl. Die Filmhandlung auf der Bühne nach dem gekürzten Drehbuch von Thea von Harbour und Fritz Lang ist angereichert durch Gedichte des Schriftstellers Walter Mehring, der ein bedeutender deutsch-jüdischer Schriftsteller und satirischer Autor der Weimarer Republik war. Bis auf zwei Kinderlieder und das Volkslied „O du lieber Augustin“ stammen alle Gedichte und Lieder von ihm.

 

Häschen in der Grube

Applaus an diesem Abend verdienen der überragend gesangsstarke Kinderchor und die spielgewandte Kinderkomparserie der Komischen Oper unter der Leitung von Dagmar Fiebach und Chorchef David Cavelius. Großes Lob auch für die Kostüme von Katrin Kath. Die Stimmen aus dem Off, Alma Sadé, Tansel Akseybek, Emilia Giertler, Noelle Haesling, Lauta Kiehne, Max Haase, Jan Eric Meier und Daniel Warland erinnern mehr an ein Hörspiel denn an eine Oper, was von Barrie Kosky genau so geplant war. Er wollte Raum für Sprache und Geräusche geben, setzt das Voice-over, die Stimme aus dem Off ein, um den Zuschauern zu erklären, was in den Figuren vor sich geht und was als nächstes geschieht, wodurch manches gleich klarer wird. Klaus Grünberg hat dazu eine reduziert-abstrahierte, meist monochrome Bühne fast ohne Möbel, nur mit Kindertischen und Stühlchen geschaffen, korallenrot, grau-schwarz, tief-blau. Am Schluss verzweifelt der gejagte Mörder vor einer hellen Paravent-Wand voller Luftballons, seinem Kinder-Lockmittel.

Barrie Kosky wollte nicht einfach eine Bühnenfassung des Films geben, sondern uns durch die Augen des Mörders dessen verschrobene Wahrnehmung im Kleinformat erleben lassen. Doch dieses groteske Kinderspiel wird der Tragik und Brutalität des Themas einfach nicht gerecht. Ein einzelner Mann zwischen 50 Kindern singt ein Kinderlied, ein unschuldiger Text aus dem Mund eines Mörders. Der Albtraum und die hochemotionale Achterbahnfahrt sind beabsichtigt und gelungen. Nicht immer muss am Ende alles aufgelöst werden, doch hätte man mit dieser Vorlage Gesellschaftskritik üben können, statt nur Mitleid und Verständnis für den Täter zu zeigen. Was ist mit all den Opfern, mit weinenden Müttern, die sich zeitlebens Vorwürfe machen „Hätte ich doch besser auf mein Kind aufgepasst“ und den für immer zerstörten Familien? Man kann Oper auch zeitgemäß inszenieren und zugleich aufrütteln, hinterfragen, Denkanstöße geben und Kritik an der Gesellschaft üben.

Ich hätte mir gewünscht, dass am Schluss alle Kinder des Chors auf der Bühne stehen, stellvertretend für alle anderen Kinder und fordern: „Beschützt uns. Werdet endlich aktiv. Wacht auf“. So wie eine 16 jährige Schwedin gerade die Welt im Kampf für den Klimaschutz wachrüttelt.

Weitere Aufführungen am 11. und 24. Mai und am 9., 22. Und 26. Juni 2019.

Daniela Debus (Publiziert am 7. Mai 2019)

1 Comment

  1. k. schreef:

    Ihre grundsätzlichen Gedanken über Kindesmissbrach kann ich sehr gut nachvollziehen und stimme ihnen zu.

    Ich weiß auch, dass es an Therapieformen, wie sie beispielweise an der Charité angeboten werden, auch Kritik gibt.

    https://www.kein-taeter-werden.de/

    Manche Szenen für Betroffene triggernd und schwer auszuhalten sein.

    Es wäre aber unfair, dem Komponisten zu unterstellen, dass er sich auf die Täterseite stellen würde:

    https://www.br.de/themen/kultur/eggert-musikhochschule-metoo-bose-100.html

    Um Opfer zu schützen, muss man sich – auch wenn es einem schwerfällt – auch mit der Täterperspektive auseinandersetzen, diese Perspektive ganz klar als Täterperskeptive begreifen und einen Umgang damit finden, was sowohl rechtstaatlich als auch opferschützend ist. Die Justiz kennt nur schuldig oder unschuldig, aber die Wirklichkeit ist komplizierter.

    Eine Oper ist keine Demo. Ist dieser Chor der Kinder nicht Botschaft genug, auch ohne Text?

    https://www.youtube.com/watch?v=K3jqbU5mKjk

    Immerhin hat die Oper geschafft, dass Sie in einer Opernrezension(!) das Thema Kindesmissbrauch behandeln. Das enttabuisiert das Thema, und das ist gut so.

    In diesem Sinne viele Grüße!

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