LA BOHEME – KALTE HÄNDCHEN, LODERNDE HERZEN

La Bohème

Gerard Schneider (Rodolfo) & Nadja Mchantaf (Mimì) (Foto: Iko Freese / drama-berlin.de)

La Bohème, Oper von Giacomo Puccini. Das Libretto wurde von Luigi Illica und Giuseppe Giacosa nach dem Roman Scènes de la vie de bohème von Henri Murger verfasst. Die Uraufführung fand 1896 im Teatro Regio in Turin unter Arturo Toscanini statt. Premiere in der Komischen Oper Berlin am 27. Januar 2019.

Mimì: Nadja Mchantaf
Musetta: Vera-Lotte Böcker
Rodolfo: Jonathan Tetelman
Marcello: Günter Papendell
Schaunard: Dániel Foki
Colline: Philipp Meierhöfer
Parpignol: Emil Ławecki
Alcindoro: Christoph Späth

Chor und Kinderchor der Komischen Oper Berlin
Orchester der Komischen Oper Berlin
Musikalische Leitung: Jordan de Souza
Inszenierung: Barrie Kosky

Musik:
Inszenierung:

Während sich der Zuschauerraum füllt, ist der Vorhang bereits oben und gibt den Blick auf die Bühne frei: Stahl, eine Wand mit Daguerreotypie-Platten, metallische Oberflächen, graue Farbigkeit, die an die Werke Anselm Kiefers erinnert. Davor eine Mansarde, angedeutet als Podium, zwei miteinander verbundene Rechtecke. Lange verschlissene Vorhänge an Eisenstangen. „Verblasste Abbilder als Sinnbild für Vergängliches, vergängliche Jugend, vergängliche Liebe“.

Barrie Kosky inszeniert Puccinis La Bohème, 35 Jahre nachdem er als Student aus Melbourne erstmals die damals noch geteilte Hauptstadt besuchte und Harry Kupfers (der an diesem Abend anwesend ist) La Bohème Inszenierung an der Komischen Oper ihn endgültig für die Bühne begeisterte.

Den Vergleich mit seinem langjährigen Vorgänger muss er nicht scheuen. Es gibt ihn nicht. Koskys Erstaufführung – die vorangegangenen Produktionen erfolgten, damals ein Stilmerkmal des Hauses, in deutscher Sprache – ist die erste hier im italienischen Original. Aus dem Maler Marcello wird ein Fotograf, dessen Camera obscura auch die Mitbewohner bedienen dürfen: der Schriftsteller Rodolfo und der Philosoph Colline. Am Weihnachtsabend vertreiben sich die mittellosen Bohémiens die Zeit, hungernd und frierend. Durch eine Luke gelangen die Künstler auf ihren eisig kalten Dachboden. Zwar gibt es einen Ofen, doch fehlt es am Brennholz, um diesen beheizen zu können. Auf den Hausbesitzer und Bariton Benoit, der die säumige Miete eintreibt, verzichtet Kosky. Im Wechsel setzten die Freunde sich dessen Hut auf und parodieren ihn im gesprochenen Dialog. Ihr Musikerfreund Schaunard kommt mit Essen, Wein und Geld. Auf geht´s ins Café. Rodolfo bleibt zurück. Er möchte noch schreiben. Überraschend bekommt er Besuch von seiner Nachbarin Mimi. Sie bittet ihn um Feuer und die beiden verlieben sich. Rodolfo macht gleich ein Foto von seiner neuen Angebeteten.

Der Rest ist schnell erzählt. Im zweiten Bild vor einem schwarz-weißen Breitwand-Panorama von Paris, feiert man im Künstlerviertel. Rodolfo stellt Mimi den Freunden vor. Marcello entdeckt im Trubel seine verflossene Geliebte Musetta. Nach viel Eifersucht und großem Drama werden die beiden erneut ein Paar. Victoria Behr hat dieses bunte Treiben jenseits einer zeitlichen Einordnung ausgelassen mit allen Kostümen, die der Theaterfundus hergibt, kostümiert. Parpignol (Emil Lawecki) nicht als Trompetenverkäufer, sondern in einer Mischung von Dionysos und gefallenem Engel, Todesgott Thanatos als Vorahnung auf das Sterben im Schlussbild. Nonnen, Transvestiten, Showgirls, Halbweltdamen und halbnackte Stricher, Musettas betuchter Liebhaber Alcindoro (Christoph Späth), ein Händler (Matthias Sprenker), der Sergeant der Zollwache (Jan Frank Süße), ein Zöllner (Tim Dietrich), 24 Kinder als schwarz gewandete Pierrots mit schwarzen Nasen, Soldaten und allerlei Halbweltgesindel bevölkern die rotierende Drehscheibe. Auf einer eigenen kleinen Bühne auf der sich drehenden Bühne für Musettas Solo-Nummer schwingen gleichgeschlechtliche Paare das Tanzbein. Das ausgelassene Treiben ist bis ins kleinste Detail wunderbar durch choreografiert und so schön anzuschauen, dass man sich gar nicht satt sehen kann. Immer wieder neue Details gibt es zu entdecken. Viel zu früh werden wir in die Pause entlassen.

Im dritten Bild in einer dunklen Gasse, mit einem Schlitz darin als Eingang zu einem Wirtshaus (wunderbar reduziert das Bühnenbild von Rufus Didwiszus) beschließen Rodolfo und Mimi ihre Trennung.  

Rodolfo kommt mit Mimis Krankheit nicht klar. Doch aus Verzweiflung und Liebe zögern sie diese noch bis zum Frühjahr hinaus.

Im vierten Bild arbeiten Marcello und Rodolfo wieder allein auf ihrem Dachboden. Colline und Schaunard kommen mit Speisen vorbei. Gefolgt von Musetta und mit ihr die todkranke Mimi. Um Medizin und einen Arzt zu besorgen, veräußern die Freunde Pelzmantel und Schmuck. Ein letztes Mal sind sie alle zusammen. Die zitternde Todgeweihte im schulterfreien Ballkleid wird erst auf den Boden gebettet, dann auf einen Stuhl für ein letztes Foto gesetzt. Nur warum reicht der halbnackten Barfüßigen niemand einen Mantel? Egal. Jugend und Kunst können nicht über Krankheit und Tod siegen. Erst jetzt realisieren die Freunde, welch ein großes Glück und Geschenk Liebe und Leben sind. Zu spät. Mimi stirbt. Das geschieht ganz leise. Ohne falsches Pathos. Das ist toll, doch im Tod ergreift die sonst Überzeugende uns leider nicht. Hier ist noch Luft nach oben. Rodolfo bleibt unglücklich zurück.

La Bohème ist eine der am häufigsten inszenierten Opern weltweit. Durch ihre jungen Interpreten ist sie an diesem Abend wunderbar authentisch, frisch und damit glaubwürdig inszeniert. Nadja Mchantaf ist eine Entdeckung. Ihre runde, strahlend-sinnliche Stimme berührt. Mühelos und präzise meistert sie die Höhen, ergreift das Publikum mit ihrer Anmut. Zart und verletzt wirkt das zierliche winzige Persönchen trotz Sackkleid und dunkler Perücke auf der Bühne. Man ist überrascht von ihrer Stimmgewalt. Unruhig und fieberhaft verkörpert sie voller Hingabe Sehnsucht, Verzweiflung und größte Enttäuschung. Ihre Hustenanfälle wirken erschreckend echt. Nur manchmal sind ihre Höhen vielleicht ein wenig zu forciert.

Jonathan Tetelman als Rodolfo verfällt man sofort. Der junge attraktive, in Chile geborene Tenor mit dem schönen Gesicht und Sexappeal eines Latin Lovers im flieder Samtanzug gibt die perfekte Verkörperung des Geliebten. Glaubhaft spielt und stimmgewaltig warm singt er den unsicheren jungen Helden. Zu Recht gilt er als einer der kommenden ganz großen Tenöre, auch wenn er am Premierenabend zu Beginn fast ein wenig schüchtern und nicht immer synchron zum Orchester singt. Das wird sich in den nächsten Aufführungen einspielen. Erst am Morgen ist er aus London eingeflogen. In der Saison 2018/19 tritt er als Rodolfo in La Bohème sowohl an der Komischen Oper Berlin als auch an der English National Opera auf.

Vera-Lotte Böcker gibt die blonde Sirene Musetta sexy, sowohl stimmlich als auch figürlich. Wunderbar wechselt sie zwischen verrucht, lockend, unschuldig und schlüpfrig. Überhaupt hat Kosky jede der Rollen perfekt besetzt. Chor und Kinderchor begeistern. Der junge kanadische Dirigent Jordan de Sousa am Pult des Orchesters verzichtet in der fünften La Bohème-Inszenierung des Hauses auf inflationär eingesetzte Rubati und langgezogene Tempi. Manchmal dirigiert er ein wenig zu laut und zu schnell durch, läßt seine hochmotivierten Sänger nicht das ein oder andere hohe C aussingen. Den Schwerpunkt legt er auf den erzählerischen Charakter der Partitur, die dramatische Handlung und die Gefühle.

Man merkt, Puccini kannte das Leben der armen Intellektuellen und Künstler gut aus seiner eigenen Mailänder Studentenzeit.

Neben der Pariser Mansardenidylle gibt Intendant und Regisseur Barrie Kosky der zeitgleich entstandenen frühen Fotografie, der Daguerreotypie, eine Bühne. Er rückt den altertümlichen Fotoapparat mit Stativ und schwarzer Decke ins Zentrum der Handlung. Wo Fotos entstehen, inszenieren sich die Künstler. Und wer sich inszeniert, dem fehlt vielleicht der Zugang zu eigenen Gefühlen.

Auch wenn ich an diesem Abend nicht weine, weil Mimis Tod am Schluss mich zu wenig berührt, ist es dennoch eine mehr als gelungene Bohème. Extrem kurzweilig verfliegen die 2 ein halb Stunden inklusive Pause. Das Premierenpublikum im fast ausverkauften Saal dankt es mit langem Applaus und Jubelrufen.

Weitere Aufführungen: 2., 8., 14. Februar, 17., 22., 30. März, 4., 19., 28. April, 15. Mai und 29. Juni 2019.

Der Live-Stream des Premierenabends www.OperaVision.eu ist bis zum 26. Juli 2019 abrufbar.

Daniela Debus (Publiziert am 29. Januar 2019)