Die Magie des Puppentheaters – Farbrausch im Überfluss

Die Zauberflöte

Florian Teichtmeister (Papageno) und Julian Prégardien (Tamino) (Foto: Monika Rittershaus)

Die Zauberflöte (KV 620), Oper in zwei Aufzügen von Wolfgang Amadeus Mozart, die 1791 im Freihaustheater in Wien uraufgeführt wurde. Das Libretto stammt von Emanuel Schikaneder. Premiere in der Staatsoper Berlin am 17. Februar 2019.

Sarastro: Kwangchul Youn
Tamino: Julian Prégardien
Pamina: Serena Sáenz Molinero
Papageno: Florian Teichtmeister
Papagena: Sarah Aristidou
Königin der Nacht: Tuuli Takala
Sprecher: Lauri Vasar
Monostatos: Florian Hoffmann
Erste Dame: Adriane Queiroz
Zweite Dame: Cristina Damian
Dritte Dame: Anja Schlosser
Erster Geharnischter: Stephan Rügamer
Zweiter Geharnischter: Grigory Shkarupa
Erster Priester: Linard Vrielink
Zweiter Priester: Lauri Vasar

Staatsopernchor
Staatskapelle Berlin
Musikalische Leitung: Alondra de la Parra
Inszenierung: Yuval Sharon

Musik:
Inszenierung:

Alle waren sie da: die Kulturstaatsministerin, Jens Spahn und Klaus Lederer samt Ehemännern, Wolfgang Schäuble, Christina Rau, Horst Köhler mit Gattin, Berlins OB Michael Müller, Verlegerwitwe Friede Springer, Ex-Oetker und Ex-Joop, Ulrich Matthes und viele bekannte Gesichter mehr. Sie kamen in Erwartung der Neuproduktion von Mozarts Zauberflöte. Die Vorfreude war groß und kalt gelassen hat dieser Premierenabend niemanden. Ein Teil des Publikums in der Berliner Staatsoper war hellauf begeistert bis verzückt und applaudierte mit lauten Bravo-Rufen. Andere vergaßen ihre gute Kinderstube schon zur Pause, kamen erst gar nicht zum zweiten Aufzug oder pfiffen für manche Szene und sparten am Schluss nicht mit heftigsten Buhrufen.

Die mit Abstand berühmteste Oper Wolfgang Amadeus Mozarts ist zugleich auch seine rätselhafteste. Prinz Tamino wird in letzter Sekunde durch drei Damen vor einer Riesenschlange gerettet. Diese zeigen ihm ein Bild von Pamina, in welche er sich sofort verliebt. Zusammen mit dem müßiggängerischen Vogelfänger Papageno macht er sich daraufhin auf die Reise, seine Liebe zu finden, die sich in den Fängen des Sonnenpriesters Sarastro befindet. Um die Frauen ihres Herzens für sich zu gewinnen, sollen sich Tamino und Papageno verschiedenen Prüfungen unterziehen. Am Schluss ist die Königin der Nacht vernichtet, Tamino mit Pamina und Papageno mit Papagena sind vereint.

Die Darsteller wie Marionetten agieren und an Seilen teilweise schweben zu lassen – dieses Konzept ist nicht neu. Die Marionette als Symbol für die Essenz der Oper, erst durch das Können des Puppenspielers wird sie zum Leben erweckt. Trennung von Körper und Stimme. Die Fäden hält ein anderer in der Hand. Ein Kinderstück mit Melodien, die perfekt zu Karussell und Spieldosen passen. Nicht umsonst gilt die am häufigsten gespielte deutschsprachige Oper auch als perfekte Einsteiger- und Kinder-Oper. Wie beim Kleinen Prinzen verstehen Kinder die Zauberflöte intuitiv, während sich die Erwachsenen oft zwischen Irrationalem und den Widersprüchlichkeiten des Stücks verheddern.

Für die Enttäuschten war es eine überbordende, zum Teil überladene Inszenierung. Über die Begeisterten wie mich ergoss sich ein Füllhorn an Bildern, Symbolen, Farben und Zitaten durch verschiedene Epochen mit ihren Erfindungen, wirkungsvollen Bühneneffekten und unterschiedlichsten Märchenelementen. Regisseur Yuval Sharon, Bühnenbildnerin Mimi Lien und der für die Kostüme verantwortliche belgische Modedesigner Walter Van Beirendonck entführen uns zu Dada und Pop-Art, lassen uns staunen wie die junge „Zauberflöten“-Zuhörerin in Ingmar Bergmanns Filmversion der Oper, mit großen Augen und ebenso großem Vergnügen. Mit seiner Inszenierung wollte Yuval Sharon den Zuschauer in fantasievolle, doch ästhetisch ganz andere Bilderwelten entführen. Im Zentrum steht dabei die Idee einer Collage, wie sie schon Mozarts Musik selbst darstellt, indem sie beständig zwischen den Stilebenen des Singspiels und der Opera seria changiert. Die kindliche Phantasie hält die Fäden in der Hand.

Die Oper startet im Paradies mit Papp-Apfelbaum und riesiger Papier-Boa. Tamino trägt klumpige lackrot bemalte Stiefel, eine schwarze Latex-Badehose über dem Kiefernholzkörper und comicartige Gummi-Punk-Frisur.

Papageno im Gewand mit orangenem Geschirr, Fell, Flausch und neongrüner Badekappe. Die blonde Prinzessin mit pink Schleife auf dem Kopf und neckischem Lackröckchen. Dreieinhalb Stunden bekommen wir bezaubernde Momente beschert trotz einiger Längen in der zweiten Hälfte. Eine Geschichte zwischen Märchen und Fabel, mit Einfallsreichtum inszeniert, voller Witz, Aberwitz und Ulk. Drei Knaben (Solisten des Tölzer Knabenchors) in Bauhaus-Farben als Phalli in einer Wolke, die drei Damen als dreiköpfiges Insekt im hautfarbenen Brüste-Wolken-Wulst. Neongrüne Leitern und Fäden, die Königin der Nacht auf schwarzem Vollmond mit Sternenkranz auf dem Haupt in festlichem Gewand, Schatten-Finger-Spiele vor Punkt-Tapete. Monostatos als blecherne schwarze Figur, die sich wie eine Uhr aufziehen lässt, mit zwei roten leuchtenden Lämpchen als Brustwarzen. Sarastro in Begleitung dreier Löwen, flankiert von Säulen, die die Erde tragen, Kinder, die in Straßenkleidung über einem Kindertheater Marionetten führen. Und nach einer langen und manchmal auch langatmigen Reise begleitet von Blitz und Donner durch sarastrische Unterwelten sitzen Pamina und Tamino vereint am Holztisch mit Resopalplatte in ihrer weißen 70er Jahre Küche und löffeln glücklich Suppe mit der Kelle aus dem Topf.

Die Zauberflöte ist ein Ausstattungsstück mit prachtvollen Kostümen, verschiedenen pompösen Dekorationen und Verwandlungen. Schon zu seiner Uraufführung 1791 konnten Schikaneder als Regisseur und seine Kollegen Theatermaler, Dekorateur und Maschinist ihre ganze Kunst zeigen. Es war die Zeit der aufkommenden Ballonfahrt und große Versenkungen kamen zum Einsatz sowie Flugkörper in Form einer mit Blumen geschmückten Gondel, auf der drei Knaben niederschwebten. Am 6. Juli 1791 stieg Blanchard im Wiener Prater mit seiner Montgolfiere auf, nach zahlreichen Fehlversuchen. Schikaneder hat als Textautor, Regisseur und Darsteller (Sänger/Sprecher) maßgeblich zum Erfolg der Zauberflöte beigetragen.

In seiner Tradition spricht der Wiener Schauspieler Florian Teichtmeister mehr den Papageno, als dass er ihn singt. Das macht er sehr gut, aber das Publikum dankt es ihm nicht. Überhaupt sind die Sprechstimmen aus dem Off sehr schön, nicht nur die der Kinder.
Die Arien sind bekannt, fast schon Gassenhauer. Hier verlangen sie den Sängern noch mehr ab als sonst, weil diese oft in verrenkter Sitzposition, das Leichte, Mühelose vortäuschend, schwebend singen müssen. Das hohe F der Königin der Nacht, textlos, eine der bekanntesten Koloraturstellen oder Papapapa…, das Duett der Verliebten, die vor Verzücken erst einmal nur noch stammeln können, um dann ihrem Kinderwunsch Ausdruck zu verleihen.
Anna Prohaska konnte die Pamina aufgrund einer Kehlkopfentzündung nicht singen. Ihren Part übernahm Serena Saénz Molinero, anfangs sehr schüchtern und leise, dann mit klarem, hellen und betörend schönen Sopran. Applaus erhielten auch das Sängerensemble um Julian Prégardien (Tamino) und Tuuli Takala als Königin der Nacht.
Sarastro klingt sicher, aber oft unverständlich. Die Todesschmerzen, die er erleiden soll, glaubt man ihm nicht. Sein vibratoreicher Bass kann nicht überzeugen und wird der Rolle leider nicht gerecht. Das Problem bei der Zauberflöte ist, dass man all die überirdischen Stimmen von Elisabeth Schwarzkopf bis Lucia Popp im Kopf hat, präzise Koloratursopranistinnen und Höhen in Perfektion, die einen vor Glück weinen lassen. Die Darsteller an diesem Premierenabend sind frisch, jung, unverbraucht  und gut, aber nicht atemberaubend. Hier ist noch viel Luft nach oben.

Das Orchester unter der Leitung der mexikanischen Dirigentin Alondra de la Parra, die kurzfristig für Franz Welser-Möst übernommen hat, war sehr gedämpft und dennoch gelegentlich etwas zu schnell für die Sänger.

Der Bogen an diesem Abend ist weit gespannt, von Buddha: „Der Mensch ist eine Marionette der Natur, die wahrnimmt und denkt und sich törichterweise einbildet, jemand zu sein“ bis zur modernen Dating-App: Man sieht ein Bild und will die Schöne finden.

Neben der neuen Version zeigt die Staatsoper Unter den Linden weiterhin die 25 Jahre alte Inszenierung von August Everding mit den nach Schinkels Entwürfen gestalteten Bühnenbildern. Somit sind in dieser Spielzeit gleich vier „Zauberflöten“ auf Berliner Bühnen zu erleben.

Weitere Aufführungen am 21., 23., 28.2., 1., 3., 6., 8., 10., 12. und 16. März 2019

Daniela Debus (Publiziert am 19. Februar 2019).

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