DIE TOTE STADT: LEBEN IM VERGANGENEN

Die tote Stadt

Sara Jakubiak (Marietta) & Ensemble (Foto: Iko freese / drama-berlin.de)

Die tote Stadt, Oper von Erich Wolfgang Korngold mit Texten von Paul Schott, einem Pseudonym, unter dem Julius Korngold, Erich Wolfgang Korngolds Vater, und der Komponist selbst zusammenarbeiteten. Das Libretto basiert auf dem symbolistischen Roman Das tote Brügge (Bruges-la-morte, 1892; deutsche Übersetzung: 1903) von Georges Rodenbach (1855–1898). Die Oper wurde mit großem Erfolg am 4. Dezember 1920 gleichzeitig im Stadttheater Hamburg sowie im Stadttheater Köln uraufgeführt. Premiere in der Komischen Oper Berlin am 30. September 2018.

Paul: Aleš Briscein
Marietta/Erscheinung Maries: Sara Jakubiak
Frank, Pauls Freund/Fritz, der Pierrot: Günter Papendell
Brigitta, Pauls Haushälterin: Maria Fiselier
Juliette, Tänzerin: Georgina Melville
Lucienne: Marta Mika
Victorin, der Regisseur: Adrian Strooper
Graf Albert: Ivan Turšić

Chorsolisten und Kinderchor der Komischen Oper Berlin
Orchester der Komischen Oper Berlin
Musikalische Leitung: Ainārs Rubiķis
Inszenierung: Robert Carsen

Musik:
Inszenierung:

Die tote Stadt

Aleš Briscein (Paul) & Sara Jakubiak (Marietta) (Video) (Foto: Iko freese / drama-berlin.de)

Die tote Stadt

Sara Jakubiak (Marietta) & Aleš Briscein (Paul) (Foto: Iko freese / drama-berlin.de)

Die tote Stadt

Sara Jakubiak (Marietta) & Ensemble (Foto: Iko freese / drama-berlin.de)

Erich Wolfgang Korngold war gerade einmal 23 Jahre alt, ein musikalisches Wunderkind seiner Zeit, als er Die tote Stadt schrieb. Am Sonntag eröffnete die Komische Oper Berlin mit diesem Stück ihre Spielzeit und der kanadische Regisseur Robert Carsen gab sein Debüt vor ausverkauftem Haus.

Die Handlung

Wie in der Romanvorlage Bruges-la-Morte von Georges Rodenbach, verfällt der isoliert lebende Witwer Paul der Tänzerin Marietta. Sie gleicht seiner gestorbenen Frau Marie aufs Haar, aber taugt als Lebende nicht für den Kult, den Paul um die tote Gattin treibt. Ein Mann, hin und her gerissen zwischen der als Heiligen verehrten Toten und der Lasterhaften, in Gestalt der lebenden Geliebten. Als Marietta sich den aufbewahrten Zopf der Toten greift, erwürgt er sie damit und erwacht. War alles nur ein (Alb-)Traum? Ist er von der Vergangenheit befreit?

Carsen, der diesem Happy End nicht traut, löst auf. Paul schüttelt einem Geist die Hand, der Freund und die Bedienstete erscheinen in weißen Kitteln. Zurück im Leben oder ein Ende in der Irrenanstalt?

In der Komischen Oper liegt die Handlung in der Entstehungszeit des Stücks. Wir sehen Paul, wie er vor seinem Kingsize-Schlafzimmer im Art Deco Style steht, seiner „Kirche des Gewesenen“. So nennt er den Raum voller Andenken. Ein schönes erstes Bild, reduziert und ruhig. Darin erzählt die Haushälterin Pauls Freund Frank vom Tod Maries. Marietta besucht Paul. Nachdem sie fort ist, erscheint ihm seine tote Frau. Sie fordert seine Treue. Frank gesteht, dass er und Marietta ein Verhältnis haben. Paul kündigt ihm die Freundschaft.

Die Höhepunkte

Günter Papendells wunderbar klarer und weicher Bariton-Schmelz begeistert. Maria Fieseliers Mezzo-Sopran erklingt warm und voll. Die Bühne dreht sich, die Wände rücken auseinander. Die Interpreten sind in jedem Bild perfekt arrangiert.
Die schwarzweiße Vision von Pauls toter Frau an der Zimmerwand berührt. Es ist eine sparsame Inszenierung, die von vielen Details lebt und Raum lässt: den Sängern und dem Orchester.

Sehr gelungen ist die Szene von Marietta im Kreis ihrer Tänzerfreunde. Lustvoll-ironisch spielen sie gemeinsam die Auferstehungsszene aus Giacomo Meyerbeers Oper Robert, der Teufel nach, gekrönt vom berühmten Lied des Pierrot “Mein Sehnen, mein Wähnen”. Die Bühne ist in Glitzer getaucht. Marietta schwebt in einem Sternchenregen vom Bühnenhimmel herab. Alle Möbel sind mit Strass überzogen, das Licht schimmert rosa. Die Musik dient nicht der Untermalung. Parallel zu den Bildern erzählt sie eine eigene Geschichte. Die Stimmung wechselt von verrucht-sinnlich zur durchkomponierten Marien-Prozession auf der Straße vor Pauls Haus. Er schaut frömmelnd zu, nachdem Marietta ihn erneut verführt hat. Chor und Kinderchor verbinden sich parallel zu ihrem Duett.
Bei der Party wirbeln die neckisch glitzernden Georgina Melville, Marta Mika, Adrian Strooper und Ivan Turšić über das Parkett. Musikalisch und optisch ist das zweite Bild ein Rausch.

Die Schwachstellen

Die Hauptcharaktere, die amerikanische Sopranistin Sara Jakubiak und der tschechische Tenor Aleš Briscein tun sich mit ihren Rollen überraschend schwer. Jakubiak fehlt es an Leidenschaft und schauspielerischer Wendigkeit. Sie spielt und verführt zu wenig, tanzt und dreht sich selbstverliebt, bleibt ohne Feuer und Stimmgewalt. Ihr mangelt es an sinnlichem Schmelz in der Stimme, ohne den sich die erotisch-seelische Dramatik nicht auf den Zuschauer übertragen kann. Aleš Briscein wirkt mitunter seltsam starr, hat vereinzelt Schwierigkeiten mit den Höhen, wechselt nur zwischen zwei, drei Gesten und Bewegungen hin und her. Es scheint ihm an Kraft zu fehlen. Liebe, Sinnlichkeit oder gar Begehren werden nicht spürbar.

Dirigent Ainārs Rubiķis scheint beim Dirigieren sein Tempo noch nicht gefunden zu haben. Mal rast er durch die Noten. Dann zieht er sie unendlich in die Länge. Selten geht er konform mit seinen Sängern.

Die Quintessenz

Die tote Stadt gilt als Drama eines Mannes, der sich innerlich nicht trennen kann. „Korngold hat ihm so ziemlich alle Psychosen der Epoche mitgegeben: Paranoia, Schizophrenie, den ganzen prächtig ausgeprägten Pathologenadel Sigmund Freud’scher Provenienz“, schwärmt Robert Carsen.

Das eigentliche Geheimnis dieses gewaltigen Melodrams ist Marie/Marietta. „Wir erleben sie als Männerfantasie, als Projektionsfläche.“ Sie umgarnt den angeknacksten Trauernden als Femme fatale und im Flatterkleidchen. Paul ist hoffnungslos überfordert, steht unschlüssig stets im Anzug in seinem Kingsize-Schlafzimmer herum. Die innere Handlung erzählt von Obsession, von Begehren und Tod. Und von der Kraft der Liebe. Traumfabrik Oper oder die Oper als Trauerarbeit, der Zuhörer hat die Wahl.

Hingehen, schauen, hören. Trotz der (kleinen?) Schwächen erlebt der Besucher einen höchst gelungenen Opern-Abend.

Weitere Aufführungen am 6., 14., 31./10., 18., 28./11., 14., 25./12 und dann am 28. Juni 2019. Oder sehen Sie die ganze Vorstellung auf OperaVision oder Youtube.

Daniela Debus (Publiziert am 2/10/2018)

2 Comments

  1. Jan de Jong schreef:

    Nur drei Sternen für “einen höchst gelungenen Opern-Abend”?

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