Die Meistersinger von Nürnberg – Wagners Wunschträume

Die Meistersinger von Nürnberg

Die Meistersinger von Nürnberg. (Photo: Bernd Uhlig)

Die Meistersinger von Nürnberg, Oper von Richard Wagner in drei Akten nach einem von ihm selbst verfassten Libretto. Die Uraufführung fand am 21. Juni 1868 im Hofoper zu München statt. Aufführung in der Saatsoper Berlin am 14. April 2019.

Hans Sachs: Wolfgang Koch
Veit Pogner: Matti Salminen
Eva: Julia Kleiter
Walther von Stolzing: Klaus Florian Vogt
David: Siyabonga Maqungo
Magdalene: Katharina Kammerloher
Kunz Vogelgesang: Graham Clark
Konrad Nachtigall: Adam Kutny
Sixtus Beckmesser: Martin Gantner
Fritz Kothner: Jürgen Linn
Balthasar Zorn: Siegfried Jerusalem
Ulrich Eisslinger: Reiner Goldberg
Augustin Moser: Florian Hoffmann
Hermann Ortel: Arttu Kataja
Hans Schwarz: Franz Mazura
Hans Foltz: Olaf Bär
Nachtwächter: Erik Rosenius

Staatsopernchor
Staatskapelle Berlin
Musikalische Leitung: Daniel Barenboim
Inszenierung: Andrea Moses

Musik:
Inszenierung:

 

Wahn und Illusion des Lebens

Ja, es gab sie wirklich, die Meistersänger, bürgerliche Dichter und Sänger im 15. und 16. Jahrhundert, die sich Bruder- und zunftartig zusammenschlossen. Ihre Dichtungen des Meistergesangs leiteten sich von Minnesang und Spruchdichtung ab. Die meisten unter ihnen waren Handwerksmeister, doch zählten auch Priester, Lehrer und Juristen dazu. Augsburg, Straßburg, Frankfurt am Main, „Mayntz“ und Nürnberg galten als Zentren dieser Bewegung und Meistersingschulen vermittelten die strengen Regeln. Als bekanntester Meistersinger galt der Schuster Hans Sachs. Er dichtete über 4000 Meisterlieder, die stets aus einer ungeraden Zahl von Strophen bestehen, mindestens drei. Sachs diente als Vorbild für den gleichnamigen Charakter in Richard Wagners Oper.

 

Denkmal für den Deutschen Bürger

Ein Satyrspiel, eine heitere musikalische Kommödie mit Humor und heiterem Spott wollte Wagner nach seiner Tannhäuser-Tragödie schaffen. Gleichzeitig sollte es ein zeitloses Denkmal für die Nürnberger Handwerker- und Singmeister des 16. Jahrhunderts werden und der deutsche Bürger sollte mit all seinen Tugenden, Stärken und Schwächen gezeigt werden. Der den anderen Sängern weit überlegene Hans Sachs verkörpert all das, was Wagner selbst nicht war, aber gern sein wollte. In Walther von Stolzing zeichnet er sich selbst als jungen Komponisten. Und in der Figur Beckmessers karikiert er seinen schärfsten Kritiker und Gegner Eduard Hanslick.

 

Die Handlung

Der Ritter von Stolzing umwirbt Eva, die Tochter des Goldschmiedemeisters Veit Pogner. Selbst in der Kirche, wo die würdigen Bürger der Stadt sich auf das Johannisfest am nächsten Tag vorbereiten, kann er die Finger nicht von ihr lassen.
Heiraten darf sie jedoch nur ein Meistersinger und so bleibt dem Landadeligen nichts anderes übrig, als die Meistersingerwürde zu gewinnen. Helfen soll ihm dabei David, der Lehrbube von Hans Sachs. Doch das Regelwerk ist zu umfangreich und kompliziert, als dass Stolzing es in der Kürze der Zeit durchdringen könnte. Eine Chance gibt es dennoch, denn „Meister kann werden, der zu Wort und Reimen, die er erfand, aus Tönen fügte eine neue Weise, der wird als Meistersinger erkannt.“ Beckmesser fürchtet den Mitbewerber, will ihm die Prüfung verwehren, doch Hans Sachs lässt ihn zu. Beckmesser als „Merker“ weist ihm Fehler über Fehler nach und „so hat der Junker versungen und vertan.“
Am Vorabend der heidnischen Nacht der Liebespaare, der großen Wünsche und Wunder verzichtet Sachs auf Eva und Eva lehnt Beckmesser ab. Beiden wird klar, dass Eva allein mit Stolzing glücklich wird. Dieser will Eva entführen, sie wirft sich in seine Arme. Alle sind in der Johannisnacht auf der Straße. Die Lehrbuben tanzen in den Gassen. Beckmesser singt für Eva ein Ständchen, merkt nicht, dass die Frau am Fenster in Pogners Haus ihre verkleidete Amme Magdalene ist. Hans Sachs ahndet jeden seiner Regelfehler mit einem Schlag auf den Schuhleisten. Lärm, Chaos, alte Fehden brechen auf. Sachs trennt das Paar, welches sich vor dem Tumult hinter der Deutschlandflagge versteckt hielt und zieht Stolzing gewaltsam aus dem Chaos in sein Haus.
Stolzing träumt von seiner Liebe zu Eva und erzählt es Sachs. Dieser Traum scheint Sachs geeignet für ein Meisterlied und so schreibt er es. Beckmesser will Sachs zur Rede stellen, findet in dessen Haus das von Sachs für Stolzing komponierte Lied, entwendet es. Sachs entdeckt den Diebstahl, schenkt es Beckmesser. Eva kommt im Festgewand. Als Stolzing berauscht von ihrem Anblick einen dritten Vers seines Preisliedes singt, umarmt sie den Meister, der sie an Stolzing übergibt.
Am Morgen auf der Festwiese vor den Toren Nürnbergs tanzen die Lehrlinge vor dem großen Wettbewerb. Nach Berufsgruppen geordnet ziehen die Meistersinger ein und beziehen ihre Plätze, als letzter Hans Sachs. Immer wieder schaut Beckmesser auf sein Textblatt, er kann sich die fremden Worte einfach nicht merken. Als er singt, scheitert er, wird ausgelacht und verhöhnt. In seiner Not verunglimpft er Sachs, der ihm das Lied aufgezwungen habe. Auf genau diesen Moment hat Sachs natürlich gewartet. Stolzing darf vortreten und triumphiert mit seiner Melodie. Eva ist gewonnen.

Verspätete Rückkehr Unter die Linden

Musste die Premiere der Berliner Neuinszenierung am Tag der Deutschen Einheit vor dreieinhalb Jahren noch im Ausweichquartier des Schiller Theaters stattfinden (die Staatsoper wurde saniert) und zerfiel in zwei Teile, so traf man sich an diesem Palmsonntag um 16 Uhr zum 6 stündigen Wagner-Marathon Unter den Linden.
Für den Dirigenten und die Titelpartie war es ein Kraftakt. Wie vor 4 Jahren stand auch diesmal Daniel Barenboim am Pult, den dritten Abend in Folge. Freitag hatte er noch Prokofjew und Mahler dirigiert, am Vorabend die Premiere Die Verlobung im Kloster. Die Hauptstadt feiert ihre Festtage, da ist der Maestro gefragt. Viele Amerikaner und Japaner sind extra angereist, um den 76jährigen Impressario zu erleben. Und so genießt er diesen Abend im ausverkauften Haus zusammen mit der wundervollen Berliner Staatskapelle, geht ganz in der Kunst auf. Den Sängern gibt er Raum mit einem erstaunlich leisen Dirigat, präzise, ruhig, genau und stark, voluminös, wo nötig.

 

Die Besetzung

Für den kurzfristig ausgefallenen Burkhart Fritz ist am Morgen aus Salzburg Klaus Florian Vogt eingeflogen, der dort am Abend zuvor unter Christian Thielemann bei der Premiere der Osterfestspiele den Walther von Stolzing gesungen hatte und frenetisch umjubelt wurde. Ein Kraftakt und Heimspiel zugleich, gehörte Vogt doch schon zur Berliner Premierenbesetzung 2015. Im Publikum zahlreiche reisefreudige Wagnerianer aus aller Welt, die auch schon in Österreich im Publikum der Thielemann-Neuproduktion gesessen hatten.
Optisch und spielerisch ein Genuß, klingt der wohl aktuell herausragendste Wagner-Tenor, der mit dieser Partie 2017 und 2018 auf den Grünen Hügel zurückkehrte, anfangs noch etwas verhalten (verständlich). Er muss wirklich „arbeiten“. Dann wird er kraftvoller, begeistert mit seinem hellen und strahlenden Tenor und zeigt, dass er eine sichere Bank für jede Wagner-Aufführung ist.
An Vogts Seite als Eva wie schon vor vier Jahren Julia Keiter, optisch eine etwas gereifte Eva, doch wunderbar klar und mit sauberer junger Stimme. Wolfgang Koch klingt dagegen manchmal ein wenig müde und ohne vokale Präsenz, monochrom und wenig facettenreich. Zum Highlight wurde der Abend dann durch Martin Gantner als Sixtus Beckmesser und dank einer Starparade der besonderen Art, einer „Wagner-Brigade Alter Herren“. Daniel Barenboim hat eine Riege legendärer Wagner-Sänger von einst eingeladen für die sogenannten Kleinmeister: Siegfried Jerusalem (79) als inzwischen fast tonloser Balthasar Zorn. Graham Clark (78), ein Retro-Mime aus Bayreuth als Kunz Vogelgesang, schrill und durchdringend und mit sichtlich Spaß. Er freut sich, lacht, als er das Publikum erobert. Reiner Goldberg (79), ehemals selbst ein bedeutender Stolzing an der Berliner Staatsoper und Georg Soltis Ideal-Siegfried in Bayreuth, kiekst in der Rolle des Ulrich Eisslinger sein „Hier!“ Franz Mazura als Hans Schwarz (er wird in wenigen Tagen 95), vermutlich Deutschlands Dienstältester aktiver Wagner-Sänger, eine Erscheinung am Stock und eine Wonne, wie er sich in einer Szene in seinen Sessel fallen lässt. Sie alle genießen ihre Mini-Einsätze, lassen uns wehmütig in Erinnerungen an unvergessliche Abende mit ihnen zurückdenken. An diesem Abend kehren diese wundervollen Opernrelikte noch einmal aus unserem Gedächtnis auf die große Bühne zurück.

 

Künstlerkrieg, Patriotismus und Deutschtümelei

Und sonst? Die leitmotivische Deutschlandfahne, in der sich Stolzing mit seiner Eva versteckt, Wimpel und Luftballons in schwarz-rot-gold, Regenbogen-Flagge, Deutschlandschärpen. Dirndl und Kriegstrommeln, Hanf statt Flieder bei Sachs´ Fliedermonolog. Party auf dem Kaufhausdach mit Pogner-Neonschrift. Punks und Beckmesser im puffhosigen, samtenen Mittelaltergewand, als er sein Ständchen singt. Eva selbst in der Kirche im langen Pailetten-Abendkleid mit Rückenloch, die Festwiese nicht in Nürnberg, sondern vor dem Berliner Stadtschloss mit weißen Schäfchenwolken am strahlend blauen Himmel. Das Bühnenbild und die Kostüme wirken inkosequent, aber sind sehr schön anzuschauen.

 

Die Höhepunkte

Einen großen Auftritt hat Wolfgang Koch in Sachs’ Fliedermonolog, wenn Daniel Barenboim alles Tempo und alle Klanggewalt unversehens drosselt, herausnimmt und auf Tempo null schaltet. Da schenkt er Sachs einen stillen, lyrisch endlosen Moment.
Der Verlierer im Stück: Regelfuchser Beckmesser, eine verzerrte Projektion von Wagners Antisemitismus.
Der Kluge: Meister Sachs, der die geniale Kreativität des jungen Künstlers der Zukunft erkennt.
Klaus Florian Vogt gibt auf der Festwiese mit dem Preislied eine Lehrstunde hell-schönen Wagner-Gesangs. Zwölf verknöcherte Nürnberger Meistersänger unterliegen einem hereingeschneiten Newcomer, der die starren Sangesregeln mit genialer Frechheit durchbricht, am Ende siegt und damit eine hübsche Meister-Tochter erobert.
Barenboim weiß, auf den Schluss kommt es an und so fährt er auf der Festwiese alles auf, was auf einer Opernbühne überhaupt denkbar erscheint. Überwältigend ist die klangliche Präsenz und so ist der Jubel groß an diesem Abend.

Nächste Aufführungen am Gründonnerstag, 18. April und am Ostersonntag, 21. April 2019 jeweils um 16 Uhr.

Daniela Debus (Publiziert am 17/4/2019)

 

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