Der Zwerg – Trauma einer unglücklichen Liebe

Der Zwerg

Mick Morris Mehnert (Der Zwerg – Darsteller) David Butt Philip (Der Zwerg) und Elena Tsallagova (Donna Clara) (Foto © Monika Rittershaus)

Der Zwerg, Oper in einem Akt von Alexander Zemlinsky. Das Libretto stammt von Georg C. Klaren. Als Vorlage diente ihm das Märchen Der Geburtstag der Infantin von Oscar Wilde. Das Werk erlebte seine Uraufführung am 28. Mai 1922 in Köln unter der Leitung von Otto Klemperer. Premiere in der Deutschen Oper Berlin am 24. März 2019.

Donna Clara: Elena Tsallagova
Ghita: Emily Magee
Der Zwerg: David Butt Philip
Der Zwerg (Darsteller): Mick Morris Mehnert
Don Estoban: Philipp Jekal
Die erste Zofe: Flurina Stucki
Die zweite Zofe: Amber Fasquelle
Die dritte Zofe: Maiju Vaahtoluoto
Das erste Mädchen: So Young Park
Das zweite Mädchen: Kristina Häger
Alma Schindler (Pianistin): Adelle Eslinger-Runnicles
Alexander von Zemlinsky (Pianist): Evgeny Nikiforov

Chor der Deutschen Oper Berlin
Orchester der Deutschen Oper Berlin
Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Inszenierung: Tobias Kratzer

Musik:
Inszenierung:

In der Oper Der Zwerg geht es um das grausame Aufeinandertreffen von Selbst- und Fremdwahrnehmung, eine Frau zwischen den Erwartungen ihrer Umwelt und eigenen Gefühlen (auf der Bühne) und der Verarbeitung einer großen und unerfüllten Liebe (Alexander von Zemlinskys). Im Begleitheft der Deutschen Oper wird das wunderbar vom Musikwissenschaftler Arne Stollberg beschrieben.

 

Alma und Alex

„Er so hässlich – so klein, ich so schön – so groß“ schreibt die junge Alma Schindler (spätere Mahler) zu Beginn ihres Unterrichts über den 8 Jahre älteren, in sie verliebten Kompositionslehrer Alexander von Zemlinsky in ihr Tagebuch, dessen Schülerin sie von November 1900 bis Dezember 1901 ist. Sie fühlt sich zu dem nur 156 cm kleinen österreichischen Dirigenten und Komponisten zugleich geistig hingezogen und erotisch abgestoßen. „Eine regelrechte Obsession rund um den Kontrast ihrer Schönheit und der Häßlichkeit und geringen Körpergröße des gleichwohl bewunderten Zemlinsky“ entwickelt sie, will „sein Weihebecken“ sein, schreibt „Gieß deinen Überfluss in mich“ (24.September 1901). Dann ekelt es sie „kleine, degenerierte Judenkinder zur Welt zu bringen“ (28. Juli 1901). Zuvor am 21. April: „Wenn ich mit ihm am Altar stehen würde, wie lächerlich das doch sein würde, er so häßlich, so klein, ich so schön, so groß.“ Im November schreibt er ihr einen Brief: „Ich lasse mit mir nicht spielen…Deine Ansichten, deine grenzenlose Eitelkeit, Vergnügungssucht, das alles steht dir im Wege, um in unserem Fall glücklich zu sein.“ Im Dezember verlobt sie sich mit dem erfolgreicheren und viel älteren Gustav Mahler. Acht Jahre später bittet Zemlinsky seinen Kollegen Franz Schreker um ein Libretto Die Tragödie des häßlichen Mannes. Zwei Ehen und Jahre später scheint die Wunde noch immer nicht vernarbt, die erlittene Kränkung unabgegolten, als Georg C. Klaren auf Wunsch Zemlinskys die Oscar Wilde-Adaption Der Zwerg liefert.

 

Die Vorlage

In Oscar Wildes Märchen Der Geburtstag der Infantin geht es um einen kleinwüchsigen Narren am Spanischen Hof, der am Konflikt zwischen seiner Selbstwahrnehmung als Künstler und der Außensicht als lächerlicher Figur zerbricht. Ein Mensch, der nicht weiß, dass er anders ist, mit dem gespielt wird und der daran stirbt. Bei Wilde ist der Zwerg der Sohn eines armen Köhlers, in der Oper avanciert die Titelfigur zum Dichter und Künstler, zum Musiker. In der Deutschen Oper wird dem lange in Vergessenheit geratenen, nur 75 minütigen Einakter ein Prolog Arnold Schönbergs, die „Begleitmusik zu einer Lichtspielscene“ für Orchester op. 34 von 1930 vorangestellt.

Der biografische Background wird szenisch vorgeführt. Dazu hat Bühnen- und Kostümbildner Rainer Sellmaier auf der Bühne einen grauen Salon nebst Flügel herrichten lassen. Einziger Farbfleck ist Pianistin Adelle Eslinger in der Rolle der Alma in einem ausladend roten Gewand mit breitkrempigem Hut. Pianist Evgeny Nikiforov als Alex ist ihr verfallen. In der achtminütigen Pantomime wird ein wenig schräg musiziert, ein bisschen künstlich geturtelt, sie stößt ihn zurück. Die Absicht ist erkennbar, die Umsetzung leider mißglückt. Das hätte es nicht gebraucht. Der Zuschauer ist froh, als das überstanden ist und der eigentliche Opernabend beginnt.

 

Zwerg in zweierlei Gestalt

Es wird Licht. Statt am Hofe steigt die Party zum 18. Geburtstag der Prinzessin Donna Clara im weißen Konzerthaus. Büsten berühmter Musiker schmücken die Wände. Vier Hofdamen bereiten unten das Fest vor. Der Hofmeister Don Estoban liest eine lange Liste der Geschenke aus aller Welt.

Ein ganz besonderes Präsent schickt der türkische Sultan: einen lebenden Zwerg. Diesem missgestalteten Mann gilt zwischen all der Pracht und Schönheit der Prinzessin besondere Aufmerksamkeit. Er verzaubert sie mit seinem Gesang und fasziniert umso mehr, als er nicht um sein Äußeres weiß. Der Zwerg verliebt sich unsterblich in die Prinzessin und durchschaut dabei nicht das böse Spiel, das diese mit ihm treibt. Doch dann sieht er sich, erstmals in seinem Leben, mit seinem Spiegelbild konfrontiert. Er erkennt die Realität und bricht tot zusammen.

Nach Zemlinskys Tod 1942 im amerikanischen Exil geriet das Werk schnell in Vergessenheit. Erst Ende der 70er Jahre wurde es wiederentdeckt und begeistert seither als subtiles, klangsinnlich schillerndes Seismogramm einer hochkomplexen psychologischen Konstellation. Der Zwerg erscheint in zweierlei Gestalt, kleinwüchsig gespielt von Mick Morris Mehnert und grandios gesungen vom 39jährigen Tenor David Butt Philip. Dieser ist hinsichtlich Stimmumfang, Volumen, Klang und Erscheinung ein absolutes Highlight des Abends. Es macht großen Spaß, ihm zuzuhören und ihn angenehm unprätentiös zurückhaltend spielen zu sehen. Anfangs ist er nur die Synchronstimme des kleinwüchsigen Schauspielers. Im Verlauf des Abends geraten beide Figuren aber zusehends miteinander in Konflikt, sind nicht mehr deckungsgleich, nicht mehr Körper und begnadete Stimme, sondern zwei Körper, die verschieden agieren. Das ist mehr als Sänger gleich Eigen- und Darsteller gleich Fremdwahrnehmung.

Elena Tsallagova  spielt die Infantin, die zweite tragische Figur des Stückes. Eingebunden in ein Netz von Erwartungen ihrer schönen Freundinnen, vom ersten Moment als die Schönste besungen, setzt sie eine kalte Maske auf, um sich vor den anderen keine Blöße zu geben. Mit ihrem strahlenden, klaren Sopran weiß diese junge, zarte und aparte Sängerin der oberflächlichen Figur überraschend viele Facetten zwischen Häme, Zugewandtheit und eisiger Kälte zu geben. Da ist es sekundär, dass nicht alle Details stimmig sind. Wie kann es sein, dass der Zwerg nie in einen Spiegel geschaut hat und ahnungslos über seine Hässlichkeit ist, wo sein „Lied von der blutenden Orange“ doch die Zusammenfassung des Stückes ist? Und Zwerg und Sänger sind hier zwei äußerst attraktive Männer, top gekleidet in weißem Hemd und schwarzer Hose. Weder buckelig noch häßlich oder einem Tier ähnlich, wie von den „Freundinnen“ der Prinzessin besungen.

 

Das Ende

Mit der Zofe Ghita gibt es eine zweite Frauenfigur im Stück. An sie delegiert die Infantin das Unangenehme. Ghita soll dem Zwerg die Wahrheit sagen, was sie überfordert. Die Personenführung ist grandios. Emily Magee als Lieblingszofe steuert berührende Empathie bei, singt und agiert überzeugend und der Zuschauer gerät mit in den Konflikt auf der Bühne: Ist es besser, etwas zu verschweigen, womit man sich mitschuldig macht, aber das Leben des anderen glücklich bleibt? Ist es Unterlassung, die Wahrheit zu ignorieren? Am Konflikt der Prinzipien verzweifelt Ghita. Als sie sich für die Wahrheit entscheidet, knallt sie dem Zwerg diese voller Brutalität an die Stirn, unfähig, ihn zu schonen oder ihm konstruktiv bei der Bewältigung zu helfen.

Der Zwerg schaut in den Spiegel und zerstört sich selbst. Die Todesursache wird nicht spezifiziert. Die Zofe trauert um ihn, während die Infantin unbekümmert weiter feiert und zu ihren Freundinnen zurück kehrt.

Das von Donald Runnicles famos geleitete Orchester setzt in seinem Spiel vor allem auf Sehnsucht und Aufbegehren. Oft spielt es arg laut und die Sängerinnen sind gerade zu Beginn kaum zu verstehen. Trotz deutschem Text ist es nur möglich, ihnen dank der Übertitel zu folgen.

Im letzten Bild lässt der Regisseur die Büste Alexander von Zemlinskys aufstellen und verneigt sich so noch einmal vor dem lange unterschätzten und in Vergessenheit geratenen Komponisten.

 

Schock der Erkenntnis

Für den jungen Regisseur Tobias Kratzer, der diesen Sommer die Bayreuther Festspiele eröffnen wird, ist Der Zwerg viel mehr als nur die autobiografisch motivierte „Tragödie eines kleinen Mannes“. Es ist Kritik an einer immer oberflächlicher werdenden Gesellschaft in Zeiten von Instagram, wo man um Likes buhlt und sich von der Meinung anderer abhängig macht. Menschen, die an der Gesellschaft scheitern, weil sie anders sind, für deren Talent und innere Werte sich niemand interessiert. Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdbild, die Augen vor der Wahrheit verschließen, weil sie nicht gefällt und der Schock der Erkenntnis, wenn der Selbstbetrug irgendwann nicht mehr funktioniert.

Alles in allem ein Highlight im 50er Jahre Haus an der Bismarckstraße und unbedingt sehens- und hörenswert.

Nächste Aufführungen am 27. und 30. März, 7. und 12. April 2019.

Daniela Debus (Publiziert am 26/3/2019)

 

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