ZUM HUNDERTSTEN: HAPPY BIRTHDAY LENNY

Candide

Alan Clayton (Candide) & Mitglieder des Tanzensembles. (Foto: Monika Rittershaus)

Candide, Operette in zwei Akten von Leonard Bernstein. Das Libretto stammt von Lillian Hellman. Es basiert auf dem satirischen Roman Candide oder der Optimismus des französischen Philosophen Voltaire. Die Gesangstexte steuerten Richard Wilbur, John Latouche und Dorothy Parker bei. Uraufführung war am 1. Dezember 1956 am Martin Beck Theatre in New York City. Premiere in der Komischen Oper Berlin am 24. November 2018.

Voltaire/Dr. Pangloss: Franz Hawlata
Candide: Allan Clayton
Kunigunde: Nicole Chevalier
The old Lady: Anne Sofie von Otter
Maximilian: Dominik Köninger
Paquette: Maria Fiselier
Cacambo: Emil Ławecki
Governor: Adrian Strooper
Vanderdendur: Ivan Turšić
Martin: Tom Erik Lie

Dirigent: Jordan de Souza
Inszenierung: Barrie Kosky

Musik:
Inszenierung:

In Anwesenheit der Bernstein-Töchter Jamie und Nina und eines Neffen aus den USA fand am Samstagabend die Candide-Premiere vor fast ausverkauftem Haus statt. Gut drei einviertel Stunden begleiten wir den Vertriebenen und seine Angebetete Kunigunde auf ihrer beider Irr-Reise über drei Kontinente. Ein Bastard, unstandesgemäß für die Tochter des Barons, der sein Onkel ist und deshalb von Schloss Thunder-Ten-Tronck in Westfalen verjagt wird. Einer, der nicht müde wird, ans Gute zu glauben und lange an seinem Optimismus festhält. Trotz Flucht, Hunger, Krieg, Inquisition, Mord und Schiffsbruch. Als die Ersehnte und er am Ende wieder aufeinander treffen, hat sie ihre Unschuld längst verloren und sich verkauft. Er ist zynisch, bitter und frustriert geworden. Zwei einst Verliebte sind sich fremd.

Vorne im Programmheft doppelseitig eine blaue Welt-Karte mit den Stationen ihrer beider Odyssee: Bulgarien, Holland, Paris, Wien, Lissabon, Spanien, Montevideo, Paraguay, Eldorado, Surinam und Venedig. Kunigundes Route in schwarz, Candide orange. Das ist nett und hilfreich.

Wie stellt Barrie Kosky all diese Schauplätze der Reise um die Welt dar? Als Kopftheater auf einer meist leeren schwarzen Bühne, mit über 800 umso farbenprächtigeren Kostümen, in vielen Sprachen, sehr reduziert, mit klug gewählten Requisiten. Das macht großen Spaß und überrascht immer wieder aufs Neue.
Es geht um Tempo, Spiel und Überzeichnung, so fordert es die Handlung. All das dargestellt in typischer Kosky-Manier: knackig-spritzig, rasant, laut, ironisch.

Als Francois-Marie Arouet, wie Voltaire mit bürgerlichem Namen hieß, sein wohl  berühmtestes Werk Candide ou l’optimisme 1759 veröffentlichte, hatte er vieles von dem darin Geschilderten bereits selbst erlebt: drohende Enterbung durch den Vater, einen Juristen, Verbannung aus den Palästen, Verhaftungen, diverse Gefängnisaufenthalte, Begnadigung durch König Ludwig XV. persönlich. Er hatte in Frankreich, England, Berlin, Lothringen, Gotha, Kassel, Mainz und Mannheim gelebt. Ziel seines Spotts, der keine Standesunterschiede kannte, war die Weltanschauung von Leibniz, nach der „kraft der vollkommenen Ordnung … alles in bestmöglicher Weise eingerichtet ist.“ Die satirische Novelle wurde zu einem Meilenstein europäischer Aufklärung. Ein außergewöhnlich anspruchsvoller Stoff für ein Musical, der zahlreiche Versionen durchlief.

Im ersten Bild sehen wir in hölzernen Schulbankreihen der Privatschule des Dr. Pangloss/Voltaire im Schloss, wie Kunigunde, ihr Bruder Maximilian, das Hausmädchen und Candide (sein Name bedeutet „arglos“, „unbedarft“) gemeinsam unterrichtet werden von der Pangloss´schen Idee „der besten aller möglichen Welten“ und „Ursache und Wirkung.“ Danach überschlagen sich im ersten Akt die Szenenfolgen. Otto Pichlers trefflich choreographierte 12 Tänzer/innen wirbeln fröhlich-lustig frech in immer neuen Kostümen übers Parkett, flankiert von einer großen Truppe Statisten. Wir sehen Trommler in Uniform, Schiffsbrüchige in Schlauchboten mit leuchtend orangen Rettungswesten, Armeeuniformen in Tarnfarben, Verkrüppelte, erst Dirndl und Krachlederne, später Karoplaids und bunte Cocktails mit Kirsche und Papierschirmchen darauf. Es begegnen uns verschiedene Religionen und Requisiten aus der „Dreigroschenoper“, der Galgen und ein Gefängniskäfig, aus der „Nase“ der runde Tisch, nun mit Table Dance-Stange, an der die Baroness Kunigunde in englischer Sprache beibehaltene Nummer „Glitter and be gay“ vorträgt.

Der zweite Akt ist bewusst von Kosky als absurdes Theater inszeniert.
Aus Luxussucht ist die adelige Geliebte, Kunigunde, zur Hure geworden. Sie finden sich an dem von Pierrots bestückten Operntopos Venedig wieder und haben sich nichts mehr zu sagen. Diese Fremdheit signalisiert der Regisseur durch extrem weite Entfernung der Protagonisten an den äußersten Bühnenrändern.


Statt des vom Erzähler berichteten, mehrere Tage währenden stummen Sitzens am Kanal, lässt er als Zeitraffer mehrfach das Licht an und ausschalten.

Zuvor treten Heinrich der Achte, Ludwig II. von Bayern, Ludwig XIV. von Frankreich, Maria Stuart und Cleopatra auf, zu erkennen an ihren Kostümen. Wir erleben den Akt des Glaubens, portugiesisch „Autodafé“, ein Erdbeben in Lissabon, bei dem über 60.000 Menschen starben, die Inquisition, Krieg, Syphilis, den fiktiven Papst Urban X und den Kampf gegen die Jesuiten.
Voltaire alias Dr. Pangloss hilft dem Publikum, sich in den verschiedenen Ländern, Orten und Zeiten zu recht zu finden. Schön, wie er mit überdimensionierter Lockenperücke das Stück eröffnet und wortgewandt-humorig durch den Abend führt.

Flott und instrumental sehr differenziert beginnt der musikalische Leiter Jordan de Sousa, die häufig im Konzert und Rundfunk gespielte Ouvertüre auf sehr hohem Niveau und erhält damit bereits nach deren Ende die erste Bravorufe. De Sousa gelingt der richtige Ton zwischen Oper, Operette, Musical und Vaudeville. Augenzwinkernd arbeitet er sich leicht durch die verschiedenen Epochen und Stile.

Überzeugend besetzt ist diese Produktion in den führenden Partien. Den Tenor Allan Clayton in der Titelpartie zu erleben, bietet uneingeschränkten Genuss, was Stimme, Mimik und sein Spiel angeht. Wie er kurz vorm Finale noch eine unbegleitete, exzessiv-rasante, nicht enden wollende Tanzdarbietung uneitel hinlegt und in der sich anschließenden Schlussszene weiterhin stimmlich überragt, zeichnet den rundlichen Sänger ganz besonders aus.

Nicole Chevalier brilliert als Kunigunde mit der ihr eigenen Stimmschönheit und Ausdruckskraft, warm und leicht. Die Mezzosopranistin Anne Sophie von Otter als Alte Frau ist noch nicht ganz textsicher an diesem Abend in ihrem langen, gesprochenen Monolog. Doch in ihrem Spiel weiß sie souverän das Publikum mit dem Feuer ihrer Darstellung zu beglücken.

Tom Erik Lie als androgyn-herbe, fegende Putzfrau Martin wird zu Recht bejubelt in einer endlosen Aufzählung menschlicher Fehler.Das Bühnenbild von Rebecca Rinst verzaubert immer wieder, sei es mit lange währendem Goldregen in Eldorado, seiner dortigen gold- und paillettenglitzernden Bevölkerung und den roten Schafen. Die Kostüme von Klaus Bruns von diesem Abend werden mir in Erinnerung bleiben. Wiederholt taucht ein Globus auf, zuletzt als ein riesiger, langsam vor- und zurückgerollter, dann von den Händen der Tänzer in die Lüfte erhobener blauer Planet. Nach seinen schlimmen Erfahrungen auf seinen Reisen durch die „beste aller Welten“ will Candide am Schluss nur noch einen Garten bestellen.

Bernstein liebte die Bühne und er liebte das Publikum. Er hatte einen einzigartigen Humor, gepaart mit der Mühelosigkeit des Genies. Das ist an diesem Abend immer wieder zu spüren. So wie Voltaire literarische Stile für seine Vorlage mixte, benutzt Bernstein die verschiedensten Musikstile. Dadurch bricht er fortwährend unsere Hör-Erwartungen. „I am easily assimilated“, ein Song, der davon handelt, dass man jeden Unsinn reden kann und schon irgendwie „reinpasst“, welcher Komponist sonst könnte das schreiben?

Warum passieren schreckliche Dinge? Warum passieren sie guten Menschen? Wozu sind wir auf der Erde? Zum Glück beantworten weder Voltaire noch Bernstein diese Fragen. Heimat und Heimatlosigkeit, Flucht und Vertreibung, Menschen ohne Wurzeln, die nirgendwo ankommen. Die Themen dieser über 200 Jahre alten Vorlage sind aktueller denn je. In jeder Epoche lassen sich Analogien für die Aneinanderreihung der Grausamkeiten von Mensch und Natur finden. Bernstein „machte es ganz traurig, was alles Furchtbares in der Welt geschieht.“ Seine Beschäftigung mit Voltaires Candide begann in den frühen 50er Jahren, mitten in der McCarthy-Ära. Candide und seine Begleiter flohen zu Pferd (humorvoll mit Castagnetten klackend und wiehernd) und auf Booten. Am Ende beschließt er, ein Landgut zu kaufen, „arbeiten ohne nachzudenken, das ist das einzige Mittel, das Leben erträglich zu machen.“ Ein Rat, dem auch Voltaire folgte, indem er sich im Alter von 64 Jahren Landgüter in Ferney kaufte und diese bis zu seinem Tod bewirtschaftete.

Mit dieser Inszenierung feiert die Komische Oper das Musikgenie Bernstein. Am Ende zu Recht uneingeschränkter großer Jubel und langer Applaus für eine mitreißend dargebrachte große amerikanische Operette.

Weitere Aufführungen am 1., 12., 21., 31. 12. 2018 (an Silvester gleich doppelt), 10., 25. 1., 3. 2., 27. 3., 3. 4. und 30. 6.2019.

Daniela Debus (Publiziert am 27/11/2018)

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