Babylon – eine Idee von Völkerverständigung

Babylon

Susanne Elmark (Inanna) und Ensemble (Credits: Arno Declair)

Babylon, Oper in sieben Bildern. Musik von Jörg Widmann. Text von Peter Sloterdijk. Uraufführung am 9. März 2019 in der Staatsoper Unter den Linden, Berlin.

Inanna: Susanne Elmark
Die Seele: Mojca Erdmann
Tammu: Charles Workman
Der Priesterkönig: John Tomlinson
Der Tod: Otto Katzameier
Der Euphrat: Marina Prudenskaya
Der Skorpionmensch: Andrew Watts
Ein Priester: Florian Hoffmann
Ezechiel: Felix von Manteuffel
Erster Pförtner zur Unterwelt: David Oštrek
Zweiter Pförtner zur Unterwelt: Giorgi Mtchedlishvili

Staatsopernchor
Staatskapelle Berlin
Musikalische Leitung: Christopher Ward
Inszenierung: Andreas Kriegenburg

Musik:
Inszenierung:

Sieben Jahre nach ihrer ersten Uraufführung in München hat der Komponist Jörg Widmann seine Oper Babylon überarbeitet und in revidierter Fassung an der Staatsoper Berlin aufgeführt. Daniel Barenboim konnte wegen einer Augen-Op wie vorgesehen leider nicht dirigieren. Für ihn übernahm Christopher Ward die musikalische Leitung.

 

Die Handlung

Wir gehen zurück in die Antike. Hirtengott Tammu ist zerrissen zwischen zwei Frauen. Das gibt es oft, doch hier stehen sie zugleich für Prinzipien. Die jüdische Frau heißt „Die Seele“, sie ist seine Identität, mit der er aufgewachsen ist. Mojca Erdmann gibt sie im weißen Kleid als Verkörperung der Tugend, die in den höchsten Tönen verzweifelt, als sie ihn verliert. Die babylonische Inanna ist die Göttin der Wollust. Susanne Elmark verkörpert sie nicht nur im feuerroten Kleid, sondern auch mit aufwühlend-ergreifendem, verführerischen Gesang. Charles Workman singt Tammu, der zwischen beiden wählen muss, im Wechselbad der Gefühle. Damit die Flut nicht wiederkehrt, muss der Priesterkönig den Göttern jährlich das Liebste opfern. Die Wahl fällt auf Tammu. Nach dessen Tod will Innana von ihm wissen, wen er denn wirklich geliebt hat, sie oder die Seele. Er soll sich unter Drogen erinnern, nennt ihren Namen, Innana. Daraufhin steigt sie hinab in die Unterwelt, um ihn zurück zu holen. Die Liebesgeschichte endet glücklich, weil es der Frau gelingt, den geopferten Mann zurückzutragen ins Leben. In gelebtes, befristetes Leben wohlgemerkt, nicht in die Unsterblichkeit.

 

Sieben Bilder

Das Vorspiel vor den Relikten einer verwüsteten Stadt im Alten Orient. Das erste Bild in den Mauern von Babylon. Das Ischtar Tor, eine Strasse von blauen und goldenen Keramikfliesen mit Tierdarstellungen von Löwen und Gazellen. Neben dem Pergamon Altar ist es das highlight im Pergamon Museum, welches nach dem Umbau des Museums bald wieder zu besichtigen sein wird. Im zweiten Bild folgen Flut und Sternenschrecken mit einer erotischen Altherrenphantasie Sloterdijks zu Beginn, als Tammu im Traumschlaf rücklings seitlich der Bühne liegt, Innana rittlings mit aufgehobenem Kleid sich auf sein Gesicht setzt und mit der Hüfte wackelnde Bewegungen über dem Träumenden ausführt. So die dem Programmheft beiliegende Textfassung, für alle, die die Handlung im Detail verstehen möchten. Blitze künden das Unwetter an. Sturmböen fegen über die Erde. Im 3. Bild, zum Neujahrsfest sehen wir einen desorientierten Tammu und eine lockende Innana: Triebe, Verlockungen, Dämonen sollen es sein. Statuen als Phalloi und Vulven, nicht obszön, sondern sakral-abstrakt.  Im 4. Bild sind wir an den Wassern Babylons, am 5. das Opferfest, im 6. taucht Innana in die Unterwelt herab und im 7. Bild der neue Regenbogen, das Planeten-Septett, sieben Teile, sieben Tage, eine Woche, eine fest gefügte Reihe. Die Ordnung ist wieder hergestellt.

Jörg Widmann gilt aktuell aufgrund seiner Vielseitigkeit als einer der aufregendsten Musiker und Komponisten unserer Zeit. Seine Kompositionsaufträge haben den Klarinettisten im Zweitberuf mit den besten Orchestern der Welt zusammen gebracht. Man hört in seiner Oper Babylon den Lehrer Wolfgang Rihm heraus.

Die Berliner Fassung hat nicht mehr viel mit der aus München gemein und darf sich zu Recht Uraufführung nennen. Widmann hat neue Arien komponiert, neue Übergänge und einen neuen Schluss. Am radikalsten sei er mit dem Neujahrsfest, umgegangen, sagt er. Das hat er komplett umgestaltet und neu montiert. In ihrer ursprünglichen Gestalt waren das 3. und 4. Bild Experimentierfelder, die er nicht nebeneinander, sondern über- und untereinander vertont hat, woraus sich eine musikalisch spannende Schnittstruktur ergab.

Peter Sloterdijk, der Meister historisierter Plattitüden des Textes, versucht sich als Denker in der klassischen Tradition Lessings von der Religionstoleranz des Nathan des Weisen. Er war der Wunschkandidat Jörg Widmanns für das Libretto.

Schmerz, Lust, Wut, Hysterie

Die Musiker haben am Premierenabend für alle Stile das richtige Gespür. Die Staatskapelle spielt sich die Seele aus der Tiefe, laut, durchweg grandios. Wenn dazu die Stimmen der Sängerinnen und Sänger hinzukommen, entfacht sich ein fulminantes, vielfach überlagerndes Spektakel. Gekonnt ist das, jeder Ton wird präzise getroffen, doch oft arg schrill, hell, laut und manchmal fast quälend für die Zuschauer in den vorderen Reihen im Parkett. Fast alle Solisten sind hervorragend besetzt und erfüllen ihre Rollen. Die dänische Koloratursopranistin Susanne Elmark meistert ihre schwierige Partie der Inanna über den ganzen Abend leuchtend und mühelos. Mojka Erdmann als Seele bezaubert und berührt mit ihrem klaren und schönen Sopran. Der wunderbare Countertenor Andrew Watts fasziniert und singt blendend klar. Ohne affektiertes Gehabe läßt er seine Stimme natürlich fließen. Marina Prudenskaya bewegt sich als Euphrat stimmlich warm, aufbrausend, voller Tiefe und voluminös durch alle Tonlagen. Dazu schaukelt sie wellenförmig vor und zurück, in ihrer Robe, welche dem breiten Strom mit seinem langen Rock in Blautönen nachempfunden ist. Am Ende des sich entrollenden Stoff-Flusses ist ein Abbild der Stadt Babylon samt Turm eingewebt. Ihr zarter Oberkörper taucht daraus hell hervor und sie weiß durch ihre ausdrucksstarke Gestik und Mimik zu überzeugen.

Einzig Charles Workmann als Tammu und John Tomlinson in der Rolle des Priesterkönigs schwächeln an einigen Stellen und wirken manchmal ein wenig angespannt, gleichen kleinere stimmliche Mankos jedoch durch Präsenz und lange Bühnenerfahrung wieder aus. Felix von Manteufel ist ein begnadeter Erzähler und nimmt als Ezechiel mit seiner unverkennbaren Stimme das Publikum mit auf die Zeitreise.

Für Andreas Kriegenburg sind die Gefährdung des Menschen und das Entstehen von religiösem Fanatismus Themen, die in der Musik unmittelbar vorhanden sind und ihn in der Arbeit sehr beschäftigen.

Es ist ihm geglückt, diese Oper mit ihren großen, wirkungsmächtigen Bildern heterogen anzulegen und unterschiedlichste Situationen der vorantiken Stadt so zu beleuchten, dass der Zuschauer oft emotional überwältigt ist, ohne dass er jeden Handlungszusammenhang im Detail verstehen muss. Der Turm zu Babel als Hochhaus, dessen Querschnitt sich von Szene zu Szene verschiebt. Eine autonome Gemeinschaft am Rande der Gesellschaft, Merkmale der Zerstörung neben Überbleibseln großer Kunst und religöse Symbole. Eine große Oper in vielen Schachteln auf kleinem Raum und dadurch intim, für den Betrachter wie durch ein Brennglas zu erleben.

 

Das Bühnenbild

ist ein wunderbarer Farbrausch zwischen Yves Klein Blau, wollüstigem Rot mit Haut, Braun und Grau in verschiedenen Nuancen unter der Erde, Schrifttafeln und Kacheln. In offenen Schubladen, die sich verschieben, hochgezogen und immer wieder neu bespielen lassen, werden die verschiedenen Handlungsstränge arrangiert. Wir sehen afrikanische Masken, Krieger in Kettenhemden, karnevaleske Maskierte mit Tierköpfen, Turner und Schatten kopulierender Tiere. Tanja Hofmanns Kostüme ergänzen die Bühnenbilder perfekt und entführen uns in eine Rausch- und Traumwelt.

 

Fazit:

Widmann ist es gelungen, einen intensiven Klangfluss zu kreieren. Das Erstaunliche dabei: Wie er die Babylonische Vielsprachigkeit in eine kongeniale Vielklanglichkeit umsetzt, die verständlich wirkt und beinahe vertraut, aber genau besehen dann doch im Vagen bleibt und rein ästhetitsche, vom Inhalt abstrahierte Aspekte damit in den Vordergrund gelangen. Ganz so, wie man ein vielsprachiges Stimmengewirr akustisch erfassen würde.

Das Liebesduett zum Schluss gerät kitschig, zum Happy End werden Regenbogenschals verknotet. Es endet, wie es beginnt. Wie der Anfang, so spielt auch der Schluss auf den Trümmern der Zerstörung. Spielende Kinder singen einen Abzählreim. Es reicht jetzt. Schluss mit Kriegen. Lasst uns eine reale Welt erschaffen. Für Jörg Widmann kann die Konsequenz nach all den Leiderfahrungen nur sein, dass wir es endlich besser machen, ohne die Verantwortung zu delegieren. In Zeiten vermehrter Naturkatastrophen und Klimawandel ein ungeheuer aktueller Appell. Auch das kann Oper.

All dies ist arg viel für einen dreistündigen Opernabend und erschlägt den Zuschauer mehr, als dass es ihn mit heiterer Leichtigkeit dahin trägt, wie Oper, selbst mit antiken Themen auch sein kann.

Erschöpft verlasse ich das Haus Unter den Linden.

Weitere Aufführungen am 20., 22. und 24. März 2019.

Daniela Debus (Publiziert am 11/3/2019)

 

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