DANIEL BARENBOIMS WAGNER-TSUNAMI

Tristan und Isolde

Andreas Schager (Tristan), Anja Kampe (Isolde) (Foto: Monika Rittershaus)

Tristan und Isolde, Musikdrama von Richard Wagner (Musik und Libretto). Die Uraufführung fand statt am 10. Juni 1865 im Königlichen Hof- und Nationaltheater in München. Premiere von dieser Produktion im Staatsoper Unter den Linden, Berlin am 11 Februar 2018.

Tristan: Andreas Schager
König Marke: Stephen Milling
Isolde: Anja Kampe
Kurwenal: Boaz Daniel
Melot: Stephan Rügamer
Brangäne: Ekaterina Gubanova
Ein Steuermann: Adam Kutny
Stimme eines jungen Seemanns, Hirte: Linard Vrielink

Staatsopenchor & Staatskapelle Berlin
Musikalische Leitung: Daniel Barenboim
Inszenierung: Dmitri Tcherniakov

Musik:
Inszenierung:

In der Staatsoper Unter den Linden erleben wir Richard Wagners vertonten Liebesrausch Tristan und Isolde. Es geht um die Verschränkung von Tod und ewiger Liebe, um Freundschaft und Verrat, Treue und Ehebruch. Und um die Frage, was ist eigentlich die vollkommene Liebe? Die Antwort fand Wagner im Buddhismus. Demnach ist höchste Liebe die von sexueller Sehnsucht getriebene Lust am Nicht-Sein, an der gemeinsamen Auflösung, oder, mit den letzten Versen von Tristan und Isolde formuliert: “In des Weltatems wehendem All ertrinken, versinken, unbewusst – höchste Lust.“ Kompliziert? Ja. Anstrengend? Sehr.

Daniel Barenboim beginnt jeden der drei Aufzüge ohne Auftritts-Applaus. Es ist still im ausverkauften Saal. Das Publikum bleibt während der fast sechsstündigen Aufführung aufmerksam und hoch konzentriert. Die Akustik ist mit der um fünf Meter erhöhten Decke nach sieben Jahren der Renovierung des Opernhauses einfach überwältigend und die Leistungsfähigkeit der Berliner Staatskapelle kommt jetzt in all ihren Nuancen zum Tragen.

 

Die Handlung

Im Unabhängigkeitskrieg zwischen dem britischen Königreich Cornwall und Irland wird der irische Fürst Morold vom Vasallen des britischen Königs Marke, Tristan, getötet und sein Haupt seiner Verlobten Isolde geschickt. Tristan selbst wird schwer verwundet. Von Isoldes Heilkünsten wissend, lässt er sich unerkannt in einem Boot an Irlands Küste treiben. Sie pflegt ihn. Als sie in ihm den Mörder ihres Verlobten erkennt, will sie ihn töten. Aber Isolde verliebt sich in ihn. Wieder zurück bei seinem Onkel, König Marke, überredet er diesen, Isolde zu heiraten, um den Frieden mit Irland zu besiegeln. Tief enttäuscht plant Isolde auf der Überfahrt, Tristan und sich zu vergiften. Aber ihre Dienerin Brangäne vertauscht den Todestrank gegen einen Liebestrank.

Dmitri Tcherniakov, verantwortlich für Inszenierung und Bühnenbild, findet überraschende Bilder. Gelungen beginnt die Handlung auf einem stilisierten Kreuzfahrtschiff mit Holzintarsien in der Offiziersmesse. Wir erleben Tristan inmitten einer elitären Salongesellschaft auf der Überfahrt von Irland nach Cornwall und über einen Bildschirm an der Wand des Salons sehen wir ihn an Deck.

Der erste Akt gehört allein Isolde. Kraftvoll klar und stimmlich atemberaubend meistert Anja Kampe ihre gewaltige Partie und zeigt, dass hier eine der aktuell großen Isolden auf der Bühne steht. Nur selten ahnt man die Anstrengung, sich gegen das Orchester durchzusetzen. Die erfahrene Sopranistin und Wagner-Interpretin, die nur zufällig zum Gesang fand, weil kein Studienplatz für Gitarre frei war, singt diese Rolle nicht zum ersten Mal. Mit Ekaterina Gubanova als Brangäne hat sie eine der weltweit besten jüngeren Mezzosopranistinnen an ihrer Seite. Stimmlich ergänzen sie einander perfekt und es fasziniert, ihre facettenreichen Darstellungen zu hören und zu schauen. Die Gestik der beiden untermauern Musik und Text.

Der zweite Akt gehört den Liebenden auf dem Schloss des Königs Marke, hier ein konservativer Salon. Während der König, sowohl körperlich als stimmlich beeindruckend – wunderbar reduziert imposant dargestellt vom dänischen Bass Stephen Milling – mit seinem Gefolge zur nächtlichen Jagd aufgebrochen ist, ignorieren die Liebenden alle Warnungen Brangänes und treffen sich. Leider gerät dieser Part hölzern, steif und alles andere als sinnlich und voller Verlangen.

Hier sitzen einander zwei blutleere Marionetten gegenüber. Tristan zappelt noch und springt wild herum, bis der Regisseur Dmitri Tscherniakov seine Fäden durchtrennt und Tristan wie Isolde erschlafft. Schön ist hier die sich wiederholende Schwarz-Weiß-Videoprojektion von Tristans blutender Stirnwunde, gedreht von Tieni Burkhalter. Die Projektion spiegelt, was im Realen verborgen bleibt. Die Leidenschaft jedoch, hier fehlt sie ganz.

Die Untreuen werden vom falschen Freund Melot an den König verraten. Der Denunziant Melot würgt Tristan fast zu Tode. König Marke, ratlos ob des Verrats seines Lieblingsvasallen, hier noch metallen-massiv in Gestalt und Gesang und auch optisch imposant, nimmt sich im dritten Akt zurück. Er ist erkältet, worauf der Besucher in der zweiten Pause durch den Intendanten des Hauses, Jürgen Flimm, in einer launig kurzen Begrüßung hingewiesen wird.
Wunderbar inszeniert, wie die Türen des Salons sich öffnen und die Gesellschaft im Angesicht des Ehebruchs erstarrt. Unverständlich nur, warum Isolde den Geliebten, jetzt wo es alle wissen, nicht gleich begleitet. Obwohl sie ihm ewige Liebe geschworen hat. Tristan verlässt allein den Hof.

Der dritte Akt spielt in Tristans Heimat auf der Insel Kareol in einem trostlosen Gutshaus. Tristan weiß im Fieberwahn nicht, wo er ist. Er durchlebt alle Leiden der Ungewissheit eines unglücklich Liebenden und fühlt sich in seine Kindheit zurück. Er hadert im Fieber, seine Eltern treten auf. Er schwankt zwischen Sehnsucht, Hoffen und Verzweiflung. Wird sie kommen? Doch das Schiff Isoldes bleibt fern.
Dieser Akt gehört Tristan allein. Stimmgewaltig und kraftvoll fügt er sich in sein Schicksal, umsorgt vom treuen Kurwenal, schwungvoll gestalterisch gesungen und eindrucksvoll sich windend spielt Boaz Daniel. Tristan stirbt, ohne die Geliebte noch einmal zu sehen. Großartig agiert hier Andreas Schager. Isolde kommt zu spät. Und auch der König Marke, der dem Liebespaar verziehen hat. Er wollte Isolde und Tristan vergeben, nachdem Brangäne ihm von dem vertauschten Trank erzählt hat. Der Schluss? Offen. Isolde zieht den Vorhang zu.

 

Buhrufer

Für den Regisseur gibt es vereinzelt Buhrufe, weil er das Drama über die Liebe als Idee anlegt. Auch Dirigent Daniel Barenboim muss sich Kritik anhören, weil er besonders im zweiten und dritten Akt das Tempo verschleppt. Für übertriebenen Respekt sind die Berliner Zuschauer nicht bekannt und Barenboim weiß das offenkundig richtig einzuschätzen. Statt die Buhrufer zu ignorieren, tritt er demonstrativ und herausfordernd noch einmal an der Seite des Regisseurs vor den Vorhang und geniesst das Durcheinander von Jubel und Protest. Was für eine erstaunliche, ernsthafte Wagner-Huldigung! Barenboim ist ausgewiesener Kenner von “Tristan und Isolde”. Er hat es nicht nötig, die Berliner Staatskapelle mit hektischer Schlagtechnik durch diese so fiebernde wie monströse Partitur zu geleiten. Beeindruckend, wie Barenboim immer wieder Einzelinstrumente im rasenden Klangsturm hörbar macht, etwa, wenn die Holzbläser zum Bühnengeschehen mal höhnische, mal düstere Kommentare abgeben.

Dann das Finale: Barenboim entfesselt mit dem phänomenalen Orchester einen tonalen Tsunami, einen Musiksturm in höchster Präzision. Der Maestro darin ist klar, präzise, überlegen. Er entfacht ein gewaltiges Tutti. Es ist ein Erlebnis, das jedem im Saal tief unter die Haut geht und bewegt. Dann klingt der letzte Ton aus. Sekunden der Stille, der Ergriffenheit. Das Publikum übernimmt die Inszenierung des Abends mit standing ovations. Es braust auf, die Zuschauer stehen, pfeifen, trampeln, klatschen. Tosender Applaus für den Kraftakt höchster sängerischer Größe von Andreas Schager, Anja Kampe, Boaz Daniel, Stephen Milling und Ekaterina Gubanova. Das ist ganz große Oper.

Verehrte Leser, ich freue mich, dass Sie mir soweit gefolgt sind. Es macht mich traurig, Ihnen zu sagen, dass die weiteren sechs für Februar und März geplanten Aufführungen bereits ausverkauft sind.

Daniela Debus (Publiziert am 13/2/2018)

1 Comment

  1. Conus schreef:

    In my opinion, this staging is pretty ridiculous.

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