SALOME: MORDEN, WAS MAN LIEBT.

Salome

Ausrine Stundyte (Salome) & Christian Natter (Oscar Wilde) (Foto: Monika Rittershaus)

Salome, Drama in einem Aufzug von Richard Strauss. Text von Richard Strauss nach dem Drama Salomé von Oscar Wilde in der Übersetzung von Hedwig Lachmann. Uraufgeführt am 9. Dezember 1905 an der Dresdner Hofoper. Wiederaufnahme in der Staatsoper Unter den Linden in Berlin am 4. März 2018.

Herodes: Gerhard Siegel
Herodias: Marina Prudenskaya
Salome: Ausrine Stundyte
Jochanaan: Thomas J. Mayer
Narraboth: Nikolai Schukoff
Page der Herodias: Annika Schlicht

Staatskapelle Berlin,
Musikalische Leitung: Thomas Guggeis
Inszenierung: Hans Neuenfels

Musik:
Inszenierung:

Neuenfels hört auf. Dies war seine letzte Berlin-Premiere und sie hätte schief gehen können: Im Januar erkrankte Zubin Mehta, dann warf Christoph von Dohnanyi hin. Höchst unprofessionell drei Tage vor der Premiere. Doch der junge, erst 24 jährige Ersatz-Dirigent Thomas Guggeis wurde zum Superstar des Abends. Seine Leistung hat die Premiere gerettet. Unter ihm spielte die Staatskapelle klangschön, dramatisch, facettenreich, meistert leise wie brutale Momente. Der Alumnus der Studienstiftung des Deutschen Volkes und Barenboim-Assistent hat großes Lob verdient und erhielt zu Recht den stärksten Beifall des Abends. Nie deckte das Orchester die Sänger zu, gewaltig und filigran zugleich ein absoluter Klang-Genuss.

Die Handlung ist bekannt. In Oscar Wildes Einakter Salomé fordert die verwöhnte Prinzessin den Kopf von Johannes dem Täufer, weil er ihre Liebe verschmäht, in die sie sich hineinsteigert. Bei Richard Strauss wird der Täufer zum Propheten Jochanaan. Sein Schicksal ist das gleiche.

Vorhang auf für eine fast schwarze Bühne. Im silbernen Phallus-Kerker, der an die Rakete von George Méliès La Lune oder Die Reise zum Mond erinnert, schwebt Jochanaan von der Decke. Darunter auf Stühlen stocksteif König Herodes, seine Frau Herodias und Salomé, garniert von dem in sie verliebten Hauptmann Narraboth und dem Pagen der Herodias. Das Bühnenbild eine statisch-konstruierte Kulisse. Die Phantasie der Garderobe erstreckt sich von C&A zu Görings weißen Anzügen. Salomé erst in Tüll, darunter ein schwarzer strenger Jumpsuit, ihre Mutter platinblond im flirrenden Glitzer. Jochanaan mit langem Rüschengewand unter dem bleichen weichen Oberkörper, unter seinen Brustwarzen herabhängend, was an Derwische erinnert. Auftritt Oscar Wilde als smarter Boy im schwarzen Anzug. Und damit wir alle es auch verstehen, kündet roter Neon an: „Wilde is coming“ und ihm hängen zwei große silberne Klöten aus dem Schritt.

Die Salomé ist ein hochsinnliches Stück aus einer Zeit, wo das erstarkte Bürgertum Genuss, Sexualität und Erotik in Separées und orgiastischen Séancen feierte. In der Malerei ist sie ein beliebtes Motiv. Ich schließe meine Augen und gewaltig umhüllt mich die Musik von Richard Strauss. Vor mir sehe ich Bilder voller Sinnlichkeit wie bei Gustave Moreau, Nackte, nur mit schwerem Geschmeide geschmückt. Sirenen ziehen an mir vorüber, Judith mit dem Haupt des Holofernes, Frauen, geschaffen, um Männer zu verbrennen. Ich tauche ein in die kultivierte Verruchtheit des Paris von Oscar Wilde, denke an Changeant-Seide und Samt, Opulenz, rieche schweres Parfüm. Der fulminanten Staatskapelle dabei zu lauschen, ist höchster Genuss.

Ich öffne meine Augen, schaue nach vorn ins Monotone des Bühnenbildes und bin in einem anderen Stück. Wenn das Orchester tobt, darf sich das Spiel der Darsteller auf kleinste Gesten beschränken, doch in dieser Inszenierung entfaltet sich nichts. Der einzig historische Rückgriff sind Maske und Garderobe der Salomé aus den 20er Jahren. Im Mittelpunkt bei Wilde steht die radikale Haltung einer Frau. Es geht um Extreme menschlichen Verhaltens. Selbstmord aus verschmähter Liebe, Rache aus verletzten Gefühlen, Eifersucht, Eros und Thanatos, die Gegenwart des Todes. Als Sittenkodex wählt Wilde ein testamentarisches Stück, um dahinter die Lust des 20. Jahrhunderts zu entfalten. Bei seiner Uraufführung war das Stück ein Skandal, sowohl für Wilde 1896 in Paris, als auch für Strauss im Jahr 1905.

Neuenfels versteht das Stück als Parabel, ein imaginärer, durch Realität gespeister Entwurf zur Welt, in der Vertreter verschiedener Systeme gegeneinander antreten. Er will, dass das Publikum sich positioniert. Der Abend muss bewältigt werden. Ohne Szenenwechsel, ohne Pause. Zu Beginn des Stücks ist Salomé noch Prinzessin. Dann befreit Wilde sie aus dieser Rolle, bestimmt sie zu seinem kämpferischen Alter Ego. Dem Betteln des Herodes folgt statt Schleiertanz ein verkopftes Doppel mit Wilde als Tod in Korsage, unsinnlich-steril. Der Schluss ist bekannt. Salomé lässt sich weder durch Flehen noch durch kostbarste Geschenke von Herodes von ihrem Verlangen, man möge ihr Jochanaans Kopf in einer Silberschüssel reichen, abbringen. Nach dessen Köpfung rollt eine schachbrettartige Palette mit 42 Köpfen herein, erinnernd an Modelle vom Friseur. Im emotionslosen Schlussmonolog holt sich Salomé ihren Kuss. Cis-Dur. Es folgt ihre Ermordung. C-moll. Vorhang. Schluss.

Ausrine Stundyte singt präsent und selbstbewußt, aber für das Haus deutlich zu schwach. Sie verschluckt ganze Textpassagen. Ihre Stimme verfügt über wenig Tiefe, in den Höhen klingt sie schrill, blechern und angestrengt. Erst beim Applaus, befreit von ihrer Rolle, gelingt es ihr, Freude und Sinnlichkeit zu verkörpern. Außer der Salomé sind die Rollen gut besetzt. An diesem Premierenabend wird auf hohem Niveau gesungen. Christian Natter spielt den Wilde mit großer Inbrust, cool, smart, schick, jung. Thomas J. Mayer als Jochanaan singt sehr textverständlich, kraftvoll und berührend zugleich. Der Deutsche, der fünf Studiengänge erfolgreich abgeschlossen und mit zahlreichen namhaften Dirigenten weltweit gearbeitet hat, ist zu Recht aktuell einer der meistbeschäftigten Heldenbaritone. Als Paar agieren Gerhard Siegel und Marina Prudentskaya wenig überzeugend, zu opernhaft ihr Getue, aber ihre Stimmen bestehen. Wundervoll der lässig-verwegene Nikolai Schukoff als unglücklich verliebter Narraboth und auf hohem Niveau Annika Schlicht als Page der Herodias.

Fazit:  Dieser Abend gleicht einer Gefühlstorte ohne zeitgemäßes Dekor. Es fehlt das irisierend Betäubende. Hier fesseln die Stimmen, das Orchester und ein wundervoller, junger Dirigent.

Weitere Vorstellungen am 8, 10, 14 und 17 März 2018.

Daniela Debus (Publiziert am 6. März 2018)

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