FALSTAFF – KOMIK, DIE GLÜCKLICH MACHT

Falstaff

Ensemble. (Photo: Matthias Baus)

Falstaff, Oper von Giuseppe Verdi. Libretto von Arrigo Boito nach The Merry Wives of Windsor von William Shakespeare. Die Uraufführung fand am 9. Februar 1893 im Teatro alla Scala in Mailand statt. Premiere im Staatsoper Unter den Linden, Berlin, am 25. März 2018.

Sir John Falstaff: Michael Volle
Ford: Alfredo Daza
Fenton: Francesco Demuro
Dr. Cajus: Jürgen Sacher
Bardolfo: Stephan Rügamer
Pistola: Jan Martiník
Mrs. Alice Ford: Barbara Frittoli
Nannetta: Nadine Sierra
Mrs. Quickly: Daniela Barcellona
Mrs. Meg Page: Katharina Kammerloher

Staatsopenchor
Staatskapelle Berlin
Musikalische Leitung: Daniel Barenboim
Inszenierung: Mario Martone

Musik:
Inszenierung:

Die Handlung

Wie kommt ein alternder Mann, der pleite ist, zu Geld? Ritter Falstaff lässt zwei identische Liebesbriefe an Alice Ford und Meg Page überbringen, die beide vermögende Männer haben. Der Schnorrer hofft, so an das Geld der Damen zu gelangen. Die beiden lesen sich ihre Briefe vor und schmieden mit Alices Tochter Nanetta und Freundin Mrs. Quickley einen Racheplan. Es folgt ein Stelldichein (wunderbar die Damen im Dialog in Badeanzügen) am Pool. Der Schwerenöter wird samt Wäschekorb in den Fluss geschüttet, später zu einem weiteren Rendezvous im nächtlichen Wald überredet und hier so lange im Heer der Mücken, Vespen, Kobolde und Elfen (von sexy-verrucht verkleideten Bürgern und Bürgerinnen) gepiesackt, bis er sein Handeln bereut.

Dem grotesken Scheitern eines schlitzohrigen Außenseiters und den Vergeltungsmaßnahmen der wenig rechtschaffenden Kleinbürgerinnen wird die junge Liebe zwischen Fenton (spritzig, attraktiv) und Nanetta (zart, frisch, stimmlich eine Entdeckung) gegenübergestellt. Ein Vater/Vormund will eine hübsche junge Frau gegen ihren Willen reich verheiraten, doch sie kämpft für ihre Liebe und siegt.

Verdis Lyrische Komödie in drei Akten ist seine letzte Oper, deren Inhalt auf Shakespeares Heinrich IV. und Die lustigen Weiber von Windsor zurückgeht und gilt zu Recht als eine der besten Kammer-opern der Geschichte. Dieses Alterswerk des fast 80 jährigen ist kein heiterer Rückblick auf ein erfülltes Leben, sondern die desillusionierte Beobachtung des allzu Menschlichen. Der Musikforscher Alfred Einstein sprach von „Drahtpuppen in der Hand eines Gottes, der sie ein wenig zappeln lässt“. Unter der Regie des in Neapel geborenen Regisseurs Martone wird der verzweifelte Sarkasmus in aller Offenheit so karikierend übersteigert, wie Verdi sich das gewünscht hätte.

Die Bühne

Ausstattung und Bühnenbild sind perfekt auf die Handlung abgestimmt. Eine schäbige Hinterhof-Kaschemme mit Bierbänken vor Graffiti besprühten Wänden, darin der dicke Ritter in Jeans, Lederjacke, zu kurzem Shirt.
Er zeigt deutlich sichtbar seinen Schwabbelbauch und später nackte Waden (stattlich-imposant Michael Volle in der Titelpartie).

Mrs. Quickly, die „Liebesbotin“ schwingt sich cool aufs Motorrad. Das könnte leicht danebengehen, hier werden zahlreiche Klischees bedient, aber es funktioniert. Die Inszenierung ist mutig, nicht zu wenig, nie zu viel. In den abwechslungsreichen Bühnenbildern gibt es viel zu entdecken:  Der alternde Adelige liest im „Kapital“ und scheint letztlich allein an körperlichen und sinnlichen Genüssen interessiert zu sein. Er trimmt sich die Nasenhaare, entblößt seine tätowierte Brust. Am Schluss bläst ein Hornist zum Gruppensex in Lack und Leder.

Die Sänger & das Orchester

In jeder Minute spürt man die Spiellust der Sänger. Sie agieren wunderbar miteinander, werfen sich die Bälle gekonnt zu. Jede Rolle ist gut gezeichnet. Hier wird Karikatur vom Feinsten geboten, auf den Punkt. Die Darsteller agieren leicht, witzig, überraschend. Immer wieder lacht das Publikum über die gekonnt beiläufig hingeworfenen Bonmots.

Alle Rollen sind herausragend besetzt. Michael Volle besitzt eine Naturstimme von ungewöhnlicher Kraft und Schönheit, reich, sonor, ausgeglichen. Dazu ist er körperlich präsent. Als Falstaff sticht er mit seinem vollen ausdrucksstarken Bariton aus dem Solistenensemble deutlich hervor. Mühelos wechselt er gemäß der Spielsituation zwischen weichen und kraftvollen Einsätzen. Er kann arrogant, spöttisch, weltklug, klagend, verzweifelt sein, strahlt dabei immer Würde aus.

Gutes gibt es auch von den anderen Sängern zu berichten. Man hört schnippische, kultivierte, verheiratete Damen und eine köstliche Jungverliebte. Barbara Frittolis Stimme ist fein und weich. Sie setzt sie behutsam ein. Daniela Barcellona als Quickly flirtet mit Falstaff, bleibt aber immer Herrin der Lage. Katharina Kammerloher als Meg überzeugt mit Energie und Stimmpracht.
Auch Ford, Fenton, Bardolfo und Pistola singen ausdrucksstark und differenziert. Nur Jürgen Sacher als Dr. Cajus schien mehrfach wenig textsicher.

Barenboim dirigiert sein Orchester nicht italienisch, doch das muss er auch nicht. Die Staatskapelle und ihr Maestro überzeugen.

Fazit

Eine Inszenierung, die vom Bühnenbild, den tollen Kostümen, der darstellerischen Leistung, einem überragenden Dirigenten und sehr starken Chor und Orchester lebt. Gelungen vom ersten Ton bis zur wunderbar langsam dirigierten Schlussfuge. Ein Opern-Highlight, welches man gern noch einmal erleben möchte.
Das Premierenpublikum im fast ausverkauften Haus lachte an diesem Abend oft und dankte mit überbordendem fünfzehn minütigen Applaus. Barenboim wurde nicht müde, sich immer wieder zu verneigen, inmitten seines Orchesters und springend an der Seite seines Regisseurs.

Eine Aufführung, die man sehen und hören sollte.

Weitere Vorstellungen bis 1. Januar 2019.

Daniela Debus (Publiziert am 27/3/2018)

 

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