CABARET – ZURÜCK IM BERLIN DER 30er

Cabaret

Cabaret – Sally Bowles (Foto: Xamax)

Cabaret, Musical von John Kander, Liedtexte von Fred Ebb und Buch von Joe Masteroff nach dem Schauspiel I Am a Camera (1951) von John van Druten. Das Musical wurde am 20. November 1966 im Broadhurst Theatre in New York City uraufgeführt. Vorstellung im Tipi am Kanzleramt in Berlin, 20. Juli 2018.

Sally Bowles: Sophie Berner
Clifford: Guido Kleineidam
Conférencier: Oliver Urbanski
Fräulein Schneider: Kathrin Ackermann
Herr Schultz: Dirk Schoedon
Fräulein Kost: Jacqueline Macaulay
Ernst Ludwig. Romanus Fuhrmann

Ensemble und Band
Dirigent: Adam Benzwi
Inszenierung: Vincent Paterson

Musik:
Inszenierung:

„Willkommen, bienvenue, welcome“ heißt es bis Mitte September allabendlich im TIPI am Kanzleramt, wo das Musical Cabaret Freitagabend seine Wiederaufnahme im Beisein zahlreicher Prominenter feierte. Erneut spielt Sophie Berner die Tingel-Tangel-Sängerin Sally Bowles. Sie geht mit Max ins Bett „in dieser Woche“. Jetzt hat sie es auf den jungen Amerikaner Clifford abgesehen, der in Berlin zu Beginn der 30er Jahre einen Roman schreiben möchte. Umgehend zieht sie in sein Zimmer in der Pension von Fräulein Schneider in der Nollendorfstr. 17 im Bezirk Schöneberg.

Ursprünglich für die kleine Schwester des TIPI, die „Bar Jeder Vernunft“, von Vincent Paterson 2004 geschaffen, wo es über Jahre ganze Busladungen anzog und dann quer durch Europa tourte, ist das Musical nun für den sonst Theater-freien Sommer an diesen geschichtsträchtigen Ort, wo einst das Vergnügungsetablissement der Kroll Oper stand, zurück gekehrt.
Und genau hier gehört es hin, passt es hin. Menschenschicksale, Gescheiterte, Verlorene, Einsame, Traurige, noch Unbekannte vereint im Buch eines bis dato Gescheiterten.

„Alle haben diese Sucht, sich zu amüsieren“, heißt es in Cabaret. So landet Clifford, ein talentloser Schriftsteller, Christopher Isherwoods Alter Ego, der 1930 als Englischlehrer nach Berlin zog, nachdem er sein Studium abgebrochen und sich erfolglos als Schriftsteller versucht hat, an seinem ersten Abend im Kitkat-Club. Hier trifft er Sally. Er verliebt sich, sie wird schwanger. Sie treibt ab, möchte ihre „Karriere“ nicht gegen ein Leben mit Kind eintauschen.

Liza Minnelli machte Sally Bowles weltberühmt.

Sophie Berner ist nicht Liza Minnelli, was nicht schlimm wäre, würde sie die Rolle, wie auch schon Judi Dench und andere erfolgreich vor ihr, auf ihre eigene Art interpretieren. Stimmlich und optisch hätte sie das Zeug dazu. Sie ist fragil, sexy, nicht mehr ganz jung, ein Hingucker. Sie singt kraftvoll, rauchig und verrucht. Doch sie begeht den Fehler, Liza Minnelli spielen zu wollen, statt Sally Bowles zu verkörpern. Einmal, nach ihrer „Abtreibung“, singt sie sehr verletzlich, da wirkt sie glaubhaft und berührt den Zuschauer zutiefst.

Vorher aber tritt sie als Schulmädchen auf, singt in der Musik der Broadwayfassung „Don´t tell Mama“, bevor sie im weiteren Verlauf des Abends mit der Minnelli-Musik aus dem Film zur Minnelli-Kopie wird und scheitert. Die Filmfassung auf der Bühne kann nur schief gehen, unter Verwendung des Textbuches der Bühnenversion mit den Liedern aus dem Film. Das nimmt dem Originalstück viel von seiner Kraft. So wirkt „Maybe this time“ aus dem Film ohne dramaturgischen Zusammenhalt und Aussage.

Über drei Stunden werden auf der Bühne Beine provozierend gespreizt, in „Two Ladies und nur einen Mann“ die freie Liebe propagiert. Es wird eine Liaison mit einem Schimpansen angepriesen nach dem Motto „leben und leben lassen“. Der Conferencier bietet dem Publikum Helga, Mausi, Lulu und Frenchie an. Es wird auf nackte Hintern geklatscht.

Aber neben den Geschichten um die drittklassige naive Sängerin erotischer Lieder Sally und die Pensionswirtin Fräulein Schneider, werden auch die von den Nationalsozialisten verursachte Brutalisierung des Alltags an der Figur Ernst Ludwigs und die Verzweiflung und Unterschätzung der braunen Gefahr thematisiert.

Die Kraft der Songs, die das kleine Orchester mit Wucht und großer Freude präsentiert, macht Cabaret auch hier zu einem Gesamt-Erlebnis. Die Band ist eine Entdeckung, wenn nicht das Highlight der Aufführung. Man möchte ein zweites Mal kommen, um sich allein auf diese fünf tollen Musiker konzentrieren zu können, von denen jeder nicht nur mehrere Instrumente an diesem Abend spielt, sondern zwei auch noch die Zeit finden, um zwischendurch als Matrosen auf der Bühne zu agieren. Das gesamte Ensemble ist stimmlich und tänzerisch toll, die Inszenierung kurzweilig. Die Kostüme von Fiona Bennett passen perfekt, zeigen viel Haut, passen zu den Darstellern und eindrucksvollen Millieu-Schilderungen.

Eine Ananas – als Zeichen der Liebe

Eine Nebenhandlung erzählt die Geschichte der Pensionswirtin Fräulein Schneider, die den Heiratsantrag des jüdischen Obsthändlers Schultz erst annimmt, dann aber angesichts der drohenden faschistischen Machtübernahme ablehnt. So ist einer der schönsten Momente dieses Abends das Duo zwischen ihr und ihrem Verehrer. Der bringt ihr, zum Zeichen seiner Liebe, eine Ananas mit. Gemeinsam singen sie „Ananas für mich“ – „von mir“. Ein rührend-komisches Duett, beide stimmlich schräg, er schüchtern, sie hager-verhärmt. Das verrät viel vom Leben in dieser Zeit.

Für Fräulein Schneider und ihren Verehrer gibt es im aufkommenden Nationalsozialismus kein Happy End. Kathrin Ackermann als Fräulein Schneider verblasst im Vergleich zu Lotte Lenya, doch das Publikum an diesem Abend im ausverkauften Haus ist begeistert. Immer wieder gibt es Szenen-Applaus. Zu Recht. Cabaret ist ein wirklich spannendes und spritziges Musical. Auf der Bühne des TIPI gibt es kaum Fläche für großartige Requisiten, doch nutzen die Bühnenbildner den begrenzten Raum perfekt und bekommen immer wieder überraschende  Bühnenbilder hin. Keine einzige Szene, in der niemand verkleidet oder geschminkt ist, alles ist sehr prachtvoll und wirkt glamourös. Der Vorhang besteht aus silber-glitzernden Fransen, Lametta ähnlich. In der Pause tanzen die Darsteller mit dem Publikum, das macht großen Spaß.

Sophie Berner ist nicht Liza Minnelli und nicht Sally Bowles. Sie spielt sie. Kathrin Ackermann wirkt inmitten des ansonsten perfekt miteinander agierenden Ensembles  oft hölzern, so als fühle sie sich unwohl.

Der Einblick in den Abgesang der „Goldenen Zwanziger“ mit einem Mix aus Halbwelt, Dekadenz, Spießertum, aufsprießendem Nationalsozialismus und angefachtem Judenhass hat nichts von seiner Aktualität verloren.
Am Schluss verläßt Clifford, der die Nazis nicht ausstehen kann und dafür von Ernst Ludwigs Freunden zusammengeschlagen wurde,  Berlin Richtung Paris. Sally, die ihren Pelzmantel für die Abtreibung versetzt hat, weil ein Kind ihrer Karriere im Weg stehen würde, bleibt verzweifelt-trotzig zurück. Sie singt weiter im Kitkat-Club.

In Gedanken bei den Menschen, die er in Berlin kennengelernt hat, kommt Clifford im Zug die Idee zu seinem Buch. Auch im wahren Leben schrieb der aus England stammende Christopher Isherwood seine Berlin-Erlebnisse in der Rolle eines Beobachters nieder: „Ich bin eine Kamera mit offenem Verschluss, nehme nur auf, registriere nur, denke nichts“. Der kundige Musical-Besucher denkt derweil an Liza Minnellis Urschrei unter der S-Bahn am Savigny-Platz.

Weitere Vorstellungen bis 15/9/2019. Details finden Sie hier.
Achtung: Sparen Sie nicht an den Tickets. Bei manchen Tischen an den Seiten stören die Säulen die Sicht, daher wäre meine Empfehlung ein mittiger Platz frontal zur Bühne.

Daniela Debus (Publiziert am 22/7/2018)

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