ANATEVKA, EINE GESCHICHTE VON LIEBE UND AUSWEISUNG

Anatevka

Max Hopp (Tevje) (Foto: Jan Windszus Photography)

Fiddler on the roof, Musical von Jerry Bock. Das Buch schrieb Joseph Stein basierend auf dem Roman Tewje, der Milchmann von Sholem Aleichem. Die Liedtexte stammen von Sheldon Harnick. Uraufführung am 22. September 1964 im Imperial Theatre (New York). Deutsche Übersetzung von Rolf Merz und Gerhard Hagen. Aufführung in dem Komischen Oper Berlin am 16 Dezember 2017.

Tevje: Max Hopp
Golde: Dagmar Manzel
Zeitel: Talya Lieberman
Hodel: Alma Sadé
Chava: Maria Fiselier
Sprintze: Tess Seba
Bielke: Laeticia Krüger
Jente: Barbara Spitz
Mottel: Johannes Dunz
Perchik: Ezra Jung
Lazar Wolf: Jens Larsen
Rabbi: Peter Renz

Chor & Orchester der Komische Oper Berlin

Musikalische Leitung: Koen Schoots
Inszenierung: Barrie Kosky

Musik:
Inszenierung:

Seit der Premiere am 22. September 1964 in New York im Imperial Theatre ist über ein halbes Jahrhundert vergangen, doch die Handlung von Anatevka (im Original Fiddler on the Roof) hat nicht wirklich an Aktualität verloren. Im kleinen Dorf Anatevka im zaristischen Russland von 1905 leben die jüdischen Bürger noch in ihren alten Traditionen. Die Zeiten sind unsicher, immer wieder kommt es zu Ausschreitungen. Jeder in Anatevka ist wie ein Fiedler auf dem Dach (der Titel geht zurück auf den Maler Marc Chagall, bei dem der Geiger auf dem Dach Symbol ostjüdischen Lebens ist), krampfhaft bemüht, fröhlich zu spielen, seinem Instrument ein paar schöne Klänge zu entlocken ohne herabzustürzen und sich dabei das Genick zu brechen. Ein Sinnbild für die Armut und Antisemitismus trotzenden jüdischen Gemeinschaften Osteuropas. So ist fast keiner im ukrainischen Ort Anatevka reich, doch der Sabbat ist heilig und wird gefeiert.

Das ist nicht anders bei Tevje, dem Milchmann, dessen einziges Pferd lahmt, so dass er seinen Karren selbst ziehen muss. Was würde er darum geben, wenn er einmal reich wär. Aber er ist Vater von fünf Töchtern (in Sholem Aleichems Erzählung Tewje, der Milchmann sind es sogar sieben). Die ältesten drei sind im heiratsfähigen Alter und er und seine Frau Golde (grandios schnodderig-berlinerisch gespielt von Dagmar Manzel in einer eher kleineren Rolle) möchten die Mädchen mittels einer Heiratsvermittlerin unter die Haube bringen. Diese, Yente (herzallerliebst-kugelig), hat mit dem Fleischer Lazar, einem fast doppelt so alten wohlhabenden Witwer, eine gute Partie für die älteste Tochter Tzeitel gefunden. Doch Tzeitel (zauberhaft: Talya Liebermann) hat sich längst in den armen Schneider Mottel (tollpatschig-verlegen: Johannes Dunz) verliebt und fast verlobt, der von seiner eigenen Nähmaschine träumt und sich vor lauter Schüchtern- und Bescheidenheit nicht traut, Vater Tevje (mit wunderbar-warmer Stimme und voller Witz und Einfühlsamkeit: Max Hopp) um die Hand seiner Ältesten zu bitten. Hopp ist in jeder Minute überraschend, authentisch und grandios: von der ersten Szene, als er aus dem Schrank steigt, später, als er sich in Tanzschritte von jungen Russen, die ins Dorf eindringen, einbeziehen lässt und sein Körper die ganze Klaviatur zwischen Anpassungswillen, Traditionsverbundenheit und Angst vor dem Unbekannten ausdrückt. Oder als er in einer der besten Szenen mit seiner Frau im Bett liegt, welches eigentlich ein Schrank ist, er sich nicht traut, Golde zu beichten, dass er dem armen Schwiegersohn zugestimmt hat. Lieber täuscht er einen Traum vor, in dem ihm die tote Großmutter erscheint und diese Verbindung will.
Obwohl Tevje die jungen Leute nicht versteht, die gegen die Tradition verstoßen, nach der der Vater die Entscheidung zu treffen hat, lenkt er ein, nach einer wunderbaren Zwiesprache mit sich selbst, weil ihm das Glück seines Kindes am Herzen liegt. Dafür nimmt er in Kauf, sein Wort gegenüber Lazar zu brechen und seine Frau umzustimmen.

Die Hochzeit wird groß gefeiert, doch durch Gewalt unterbrochen. Russische Randalierer stören das Fest, werfen mit Stühlen, zerschlagen das Mobiliar, eine vom Zaren angeordnete anti-jüdische Kampagne. Und die zuvor noch fröhliche Hochzeitsgesellschaft erstarrt, übergossen von Milch.
Einer, der gegen diese Willkür revoltiert, ist der attraktive Student und Hauslehrer Perchik (eindrucksvoll: Ezra Jung), in den sich Tevjes Zweitälteste Hodel (Alma Sadé) verliebt und dem sie später in die Verbannung nach Sibirien folgt. Ihr Vater mag ihn, weil er den Talmud liest, als Aufrührer und Schwiegersohn ist er ihm nicht geheuer, die Trennung von seiner Tochter ist schmerzlich, aber nach einem ebenso witzig wie berührendem Dialog zu Gott und dem Publikum, stimmt er ihrer Ehe zu.
Die dritte Tochter Chava möchte den nicht jüdischen Russen Fyedka heiraten. Diesmal lässt der Vater sich nicht erweichen. Seinen Glauben kann und will er nicht verleugnen. So schwer ihm diese Entscheidung auch fällt, als sie ihn trotz seines Verbotes heiratet, verstößt er sie und betrachtet sie als gestorben. Da bekommen die Bewohner Anatevkas den Befehl des Zaren, dass sie innerhalb von drei Tagen ihr Hab und Gut packen und den Ort verlassen müssen. Das Entsetzen über den Verlust ihrer Heimat im Zuge der Judenprogrome ist groß, aber wehrlos, wie sie gegen die Armee des Zaren sind, müssen sie sich fügen. Chava möchte sich verabschieden, Tevje weist sie ab, doch über Tzeitel wünscht er ihr ein „Gott sei mit dir“. Die Ausgewiesenen verabschieden sich voneinander, Tzeitel und Motel planen ihr Leben in Krakau, Tevje und Golde reisen mit den beiden Jüngsten zu Verwandten nach Amerika, die andere Tochter und ihr Mann wollen nach Warschau. Während der Vertreibung im zweiten Akt schneit es. Wie Mutter Courage bei Brecht, zieht Tevje seinen bepackten Karren durchs Schtetl. Die Familie zufällt. Die ersten und auch die letzten Töne gehören dem jungen Fiedler.

Dann herrscht Stille und wie schon bei der Premiere und der Aufführung danach in der Komischen Oper, bricht im fast ausverkauften Zuschauerraum Jubel los. Berechtigte standing ovations für eine Aufführung, die zu berühren weiß, ohne verkitscht zu sein, wo das Orchester verführt, der ein oder andere stimmliche Mangel durch unpathetische und uneitle Textgestaltung ausgeglichen wird und deren Bühnenbild begeistert. Statt abgenutzter Chagallscher Dorfidylle mit Koffern hat der Bühnenbildner Rufus Didwiszus alte Schränke übereinander gestapelt. Ein Junge im Sweatshirt umrundet eingangs mit Kopfhörern, Musik hörend, einen Schrank, in dem Pelzmäntel hängen. Barrie Kosky erinnert damit an seine eigene Familiengeschichte. Sein Vater handelte mit Pelzen in Australien, wohin der Großvater nach Progromen in Weißrussland geflüchtet war. Walter Felsenstein hat das Musical bereits 1971 an der Komischen Oper aufgeführt.

Der Komponist Jerry Bock und sein Songschreiber Sheldon Harnick hatten sich bereits fünf Jahre zuvor, 1959, mit Fiorello!, der Biographie des populären New Yorker Bürgermeisters Fiorello La Guardia und ihrer romantischen Komödie She loves me einen Namen gemacht. Das Buch ist vom Librettisten Joseph Stein, nach den Erzählungen und Erlebnissen des jiddischen Dichters Sholem Aleichem, speziell seinen Roman-Erzählungen Tewje, der Milchmann. Die Songs in Anatevka „Wenn ich einmal reich wär“ und die Abschiedsballade „Far from the Home I love“ gehen auf chassidische Volksweisen zurück. Es ist der Mix aus Drama und Gefühl, jiddischer Folklore, melancholischem leisen Humor, der ein breites Publikum begeistert. Die Produktion lief länger als jedes Stück am Broadway zuvor und die Chancen in Berlin in der Behrensstraße stehen nicht schlecht, dass eventuell auch hier ein neuer Rekord aufgestellt werden könnte. Die Komische Oper hat zumindest schon jetzt viele Vorstellungen eingeplant.

Daniela Debus (Publiziert am 19/12/2017)

 

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